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Nach dem Sahara Race in Namibia im Mai habe ich mir beim Ultra Africa Race in Mosambik kürzlich den zweiten großen Lauftraum in diesem Jahr erfüllt. Afrika pur war das, durch viele kleine Dörfer und durch Palmenwälder sind wir gerannt, immer wieder begeleitet von Kindern. Pure Glückseligkeit!

Nach wochenlanger Vorbereitung und langer Anreise über Addis Abeba nach Maputo  beginnt das Abenteuer entspannt. Mit dem Bus und am Ende mit Jeeps werden wir aus der Hauptstadt Maputo zum Lake Nhambavale in eine Lodge gebracht, in der wir vor dem Start zwei Nächte verbringen. Langsam ankommen, uns kennenlernen. Eine erste kleine Runde laufen und merken: Es ist heiß und im Sand ist es anstrengend. Wäre das schon mal geklärt.

Die Pflichtausrüstung wird überprüft, mein Rucksack ohne die zwei Liter Wasser mit 6,6 Kilogramm gewogen. Das geht, ist nicht zu viel, immerhin habe ich Essen für fünf Tage, einen Schlafsack, eine Isomatte, ein Erste-Hilfe-Set, einen Wasserkessel, Getränkepulver und was man sonst noch so fünf Tage lang braucht dabei. Das Zelt bekommen wir gestellt.  Abends ein Briefing durch Organisator Jérôme Lollier, dann gehe ich sehr aufgeregt und zugleich glücklich darüber, dass es nun bald so weit ist, schlafen.

Der nächste Morgen. Wir stehen am Start, letzte Pre-Race-Fotos in sämtlichen Personenkonstellationen werden gemacht. Und dann geht es los. Von zehn herunter gezählt und dann sind wir auf der Strecke. Auf einer sandigen Strecke. Nach zweieinhalb Kilometern Piste geht es für 20 Kilometer am Indischen Ozean entlang. Wir haben Glück. Es ist Ebbe, der Sand direkt am Meer ist hart, ist gut laufbar.

Ich versuche einfach mal mein Glück, will schauen, was geht, wenn ich Tempo mache. Ich laufe gemeinsam mit Rafael Fuchsgruber, eigentlich viel zu schnell für ein solches Etappenrennen aber ich denke mir, dass ich es ja einfach mal probieren kann. Man muss sich ja auch mal was trauen.  Ich bin erste Frau, es geht super.

Bis es ins Landesinnere geht. Der Wind ist weg, es wird heiß, der Boden immer sandiger, Höhenmeter hat die Strecke nun auch noch. Es ist hart, aber irgendwie rette ich einen kleinen Vorsprung ins Ziel, gewinne diese erste Etappe. Das kann mir keiner nehmen, egal wie es hier weiter geht.

Das Camp ist so nah am Dorf, dass schon bald Frauen und Kinder kommen und uns einigermaßen bestaunen: weiße, verschwitzte Frauen und Männer, die aus unerfindlichen Gründen mit großen Rucksäcken durch die Gegend laufen. Bald schon lachen und tanzen wir zusammen.

Ich mag das Leben im Camp: Meinen kleinen Kessel  ins Feuer stellen, um heißes Wasser für das Trecking-Abendessen zu haben, etwas trinken, mich ein bisschen unterhalten. Früh wird es dunkel, dann ist nichts mehr zu tun, als sich ins Zelt auf die viel zu harte Isomatte zu legen, in den Schlafsack zu kuscheln , und zu versuchen, ein bisschen zu schlafen. Zwischen 4 und 5 Uhr schälen sich die meisten aus ihren Schlafsäcken und bereiten sich auf die nächste Etappe vor: Wasser erhitzen, etwas essen, Füße verarzten, Rucksack packen, mit Sonnencreme und evtl. Hirschtalg einschmieren – es ist viel zu tun am Morgen.  

In der zweiten Etappe macht die haushohe Favoritin Ita Marzotti (Italien) ernst. Aber so richtig. Ich versuche anfangs, ihr Tempo  mitzugehen, doch sehr bald muss ich einsehen, dass ich das nicht halten kann. Bald muss ich mich auch vom zweiten Platz verabschieden, die Kanadierin Stephanie Bales zieht an mir vorbei. Ich nehme etwas Tempo heraus, beschließe für mich, dass ich unterwegs die Zeit haben möchte, Fotos zu machen, Land und Leute quasi aufzusaugen, nicht permanent am Limit zu laufen – zumal die ersten beiden Etappen mit 35 und 39 Kilometern die kürzesten sind.

Am dritten Tag steht die mit 51 Kilometern längste Etappe auf dem Programm. Ich habe großen Respekt. Doch läuft es lange Zeit sehr gut. Die Strecke ist wunderschön, wir laufen durch kleine Dörfer und an einzelnen Hütten vorbei. Ich winke jedem einzelnen an der Strecke zu, Kinder, Frauen und Männer winken und lächeln ausnahmslos zurück. Die meisten lächeln nicht nur, sie strahlen richtig. Das gibt so viel Energie.

An einer Schule versammeln sich Dutzende Kinder um Stephanie und mich, alle möchten mit aufs Foto, viele der Kinder laufen danach noch eine ganze Weile mit uns. Das ist etwas, das uns immer wieder passiert in diesen harten, doch wunderbaren Tagen in Mosambik: Kinder laufen Teile des Weges mit uns. In ihren Flip Flops sind sie häufig schneller unterwegs als ich. Und sie sind so fröhlich, strahlen mich an. Diese Begegnungen berühren mich sehr.

An diesem dritten Tag durchlebe ich immer wieder große Emotionen. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich hier laufen darf, durch Dörfer, unter Palmen, immer wieder mit Blick auf wunderschöne Seen, immer wieder mit Kindern. Dann wird es doch auch sehr hart. Es geht sandig bergauf und bergab, es ist heiß. Sehr heiß in der Mittagszeit. Doch ist es nie so, dass ich auch nur ansatzweise die Sinnfrage stelle. Ich bin so glücklich und dankbar, hier zu sein. Da darf es auch weh tun. Als es eine Weile bergab geht, ich einigermaßen zügig durch Palmenwälder mit Blick auf einen See laufe, kommen mir die Tränen. Pures Glück. Was für ein Abenteuer!

Endlich erreiche ich die Brücke über den See, hinter der ein wegen der Hitze zusätzlich eingerichteter dritter Checkpoint folgt. Noch einmal Wasser nachfüllen, Wasser zur Kühlung auch über den Kopf, und weiter geht es. Nur noch zehn Kilometer, 41 habe ich schon. Aber diese zehn Kilometer ziehen sich nahezu endlos. Am Seeufer geht es durch tiefen Sand, meist sacke ich tief ein, das ist Kräfte zehrend. In einem Mix aus Laufen und Gehen stolpere ich am Ufer entlang. 

Irgendwann bin ich da, mit schweren Beinen schleppe ich mich zum Zelt. Regeneriere, so gut es geht, schließlich geht es am nächsten Morgen um 7 Uhr wieder los, auf eine mit 47 Kilometern nur unwesentlich kürzere Etappe.

Am nächsten Morgen regnet es. Es ist nicht ganz einfach, die morgendliche Camp-Routine im Regen zu bewältigen. Zum Glück gibt es eine kleine Hütte, in der der wunderbare Rennarzt Bruno Thomas unsere Füße und die vom Rucksack wund gescheuerten Rücken verarzten kann, ohne dass alles dabei nass wird. Dann geht es wieder los. Der Regen sorgt für kühlere Temperaturen, nach dem heißen und langen Vortag eine Wohltat.

Doch irgendwann habe ich an diesem Tag ein kleines Tief. Es regnet und ist windig, mein Rücken tut weh. Es zieht sich. Und doch geht es weiter. Ich laufe, winke, grüße, laufe weiter. Irgendwann bin ich da. Das Camp ist an diesem Tag auf dem Gelände einer Schule errichtet. Kinder und Lehrer feuern mich an, als ich einlaufe. Ich bin glücklich. Vier Etappen sind geschafft.

Der Start der letzten Etappe ist zu unserer großen Freude schon um 6 Uhr – weniger Zeit in der Mittagshitze! Noch einmal gilt es, 47 Kilometer zu bewältigen, sämtliche Höhenmeter dabei in den ersten 27 Kilometern, denn die letzten 20 geht es, wie bereits zu Beginn des Rennens, am Indischen Ozean entlang. Bis dahin ist die Strecke wieder sehr typisch, dem ähnlich, was wir in den letzten Tagen gesehen und erlebt haben: Sandige Wege, leichtes auf und ab, an kleinen Dörfern vorbei und unter Palmen.

Dann sehe ich die Dünen, bin schon fast am Meer.  Das letzte Teilstück am Indischen Ozean ist wunderschön, auch recht gut zu laufen, aber es zieht sich, zumal mit 200 Kilometern aus den letzten Tagen in den Beinen. Wieder durchlebe ich starke Emotionen. Das Glücksgefühl, dass ich gleich das Ultra Africa Race finishen werde, führt gemeinsam mit der Erschöpfung dazu, dass mir immer wieder die Tränen kommen.

Hinter einer Kurve, in einer Bucht, sehen Stephanie und ich endlich das Ziel. Zum Glück, meine kanadische Freundin hatte vorher angekündigt, wenn jetzt das Ziel nicht endlich kommt, bleibt  sei einfach stehen und heult. Mit lauten Jubelschreien laufen wir darauf zu. Pure Glückseligkeit. Es ist geschafft! 220 Kilometer durch die mosambikanischen Provinzen Gaza und Inhambane finden hier, an diesem wunderschönen, von Dünen und Palmen gesäumten Strand, ihr Ende.

Große Höhepunkte nach dem Zieleinlauf: eine eisgekühlte Cola und der Sprung ins Meer. Das folgende Finisher-Bier ist auch fein. Den Rest des Tages verbringen wir mehr oder weniger komplett mit Essen und Trinken. Und glücklich sein. Einfach nur glücklich sein. Dieses unglaubliche Glücksgefühl beim Überschreiten der Ziellinie nach einem solch extremen Rennen und auch die tief empfundene Dankbarkeit in den Tagen danach kann ich nur schwer beschreiben.

Mir wird immer klarer, dass das genau die Art von Abenteuer ist, die ich noch viel mehr machen möchte. Mir die Welt erlaufen, ferne Länder durchlaufen, durchaus auch an meine Grenzen kommen. Du lernst sehr viel über Dich in einem solchen Rennen darüber, was zu leisten Du imstande bist. Und die Gefühle sind so intensiv. Wahnsinn.

Der nächste Tag gehört uns noch einmal in diesem traumhaften Ressort. Ein Paradies, ich möchte hier bleiben, phantasiere, wie ich hier unter Palmen meine nächsten Bücher schreiben werde. Ich spaziere am Strand, bleibe immer wieder stehen und schaue in die Landschaft.

Dann ist die Siegerehrung, in der jeder einzeln geehrt wird, Finishershirt, Urkunde und Medaille bekommt. Die Trophäe für meinen dritten Platz bei den Damen, eine aus Holz geschnitzte Gruppe von Frauen, ist die schönste, die ich jemals bekommen habe. Jérôme erwähnt bei der Siegerehrung, dass ich immer gelächelt hätte. Kein Wunder bei dem, was ich die letzten Tage erleben durfte!

Wir feiern einander, sind im Laufe dieser Woche zu einer Familie geworden, auch wenn wir manchmal keine gemeinsame Sprache haben. Das Ultra Africa Race hat einen sehr besonderen Spirit. Es ist ein Wettkampf, aber vor allem ist es ein Abenteuer, das wir gemeinsam erlebt haben. Wir haben zusammen gelitten und gelacht, haben uns geholfen, uns Mut zugesprochen.

Besonders während des Rennens waren die Begegnungen – sowohl mit den anderen Läufern als auch und besonders die mit den Menschen in Mosambik. Sie berühren. Kinder, aber auch Ältere strahlen uns an, sind so freundlich und fröhlich. Kaum zu glauben, dass dieses Land nach der portugiesischen Kolonialzeit von einem schweren Bürgerkrieg heimgesucht wurde und es noch gar nicht so lange her ist, dass offiziell alle tückischen Landminen als entschärft erklärt wurden und die Kinder wieder unbeschwert auch abseits der großen Wege herumlaufen können

Doch auch die Begegnung mit meinen Mitläufern macht dieses Rennen so besonders. Ich werde sie vermissen, meine kleine Familie verrückter Ultraläufer und das wunderbare Team um Organisator Jérôme Lollier. Aber sicher nur ganz kurz – wir werden uns wiedersehen, bei unserem nächsten Laufabenteuer. Bald! Ich bin angemeldet - für das Ultra Asia Race in Vietnam. März 2018!!!

(Fotos: privat, Dino Bonelli, Jérôme Lollier/Canal Aventure)

 

erstellt von
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Andrea Löw

Historikerin from München

Altersklasse: W 40

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