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Der Weg zurück - zwischen Windeln und schlaflosen Nächten!

Hamburg Reeperbahn 1. Juli 2018: Hellahalbmarathon

9.58 Uhr - Ich stehe wieder an der Startlinie. Naja um ehrlich zu sein stehe ich mehrere hundert Meter dahinter, irgendwo zwischen den Läufern, die die Strecke in deutlich über zwei Stunden finishen werden. Es ist das erste Mal in acht Jahren, dass ich komplett ohne Zeitziel und sogar ohne Uhr laufe. Das erste Mal, dass ich mich nicht in einen der vordersten Startblöcke einreihe. Das erste Mal, dass ich ohne spezifische Vorbereitung an einem Halbmarathon teilnehme. 

Noch wenige Sekunden bis zum Startschuss! Da ist es wieder... Dieses unvergleichliche Gefühl, das man nur hier hat. Man wird eins mit den Läufern um sich herum und die Spannung der Masse ist fast körperlich spürbar. Die Luft knistert förmlich! Alle sehnen den Moment herbei, wenn der laute Knall die Spannung schlagartig in Luft auflöst und man beginnt zu laufen. 3,2,1... Bäm! Los geht’s! 

Hamburg 1. Januar 2018: Ein Blick zurück 

17.17 Uhr - Meine Tochter Anna erblickt das Licht der Welt. Sie ist mein drittes Kind und vom ersten Moment an die Liebe meines Lebens. 9 Monate Schwangerschaft liegen hinter mir, die nicht immer ganz leicht waren. Mit zwei Kleinkindern ist man an sich schon gut beschäftigt, aber in anderen Umständen wird so mancher Tag zu einer mühsamen Angelegenheit. Um so mehr sind Auszeiten wichtig, zum Kraft tanken und Kopf frei pusten. Meine Auszeiten waren schon immer meine Läufe, und so laufe ich auch während meiner dritten Schwangerschaft bis es nicht mehr geht. Meine kleine Bauchbewohnerin ist immerhin schon eine kleine Marathoni, hat sie mich doch beim Hamburg-Marathon im April 2017 tapfer begleitet. Vielleicht lässt sie mich auch deshalb bis weit ins letzte Trimester weiter „rennen“... 

Nach der Geburt ist erst mal alles anders. Der Fokus liegt komplett auf dem Winzling, der irgendwie schon immer dagewesen zu sein scheint. Doch nach wenigen Wochen beginnen die Füße zu kribbeln. Sie erinnern sich noch gut an die Zeiten, als sie fast täglich stundenlang Asphalt gesehen haben. Und auch der Kopf sehnt sich nach der gewohnten „Kur“! 

Mit Beginn der Rückbildung acht Wochen nach der Geburt beginne ich auch wieder mit moderatem Lauftraining. Meine Erfahrung ist groß genug, um meinen Körper nicht zu überfordern, und ich weiß genau, auf welche Zeichen ich achten muss, damit ich mir mit dem Laufen nicht mehr schade als nutze. Es ist absolut faszinierend zu beobachten, wie sich der Körper an vergangene Leistungen erinnert und relativ schnell wieder eine ganz passable Form annimmt. Allerdings sind alte Werte vor allem in Bezug auf die Laufgeschwindigkeit absolut kein Maßstab. 

Etwa drei Monate nach der Geburt ist der Wunsch, wieder an einem Wettkampf teilzunehmen so groß, dass ich mich für den Hellahalbmarathon anmelde. Ich weiß, dass ein gezieltes Training mehrmals pro Woche nicht möglich sein wird. Die Zeit fehlt, die Nächte sind zu kurz, und Priorität haben trotz allem immer die Kinder. Aber der Wille, mich bestmöglich darauf vorzubereiten, ist da und ich habe die Rückendeckung der Familie. Es gelingt mir meist, zwei Mal wöchentlich zu laufen, und die Distanzen werden größer. Der erste 10er fühlt sich an wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Etwa drei Wochen vor dem Wettkampf schaffe ich es, 16 Kilometer zu laufen. Und das war’s... Ist das genug?! Zweifel tauchen auf. Soll ich es nicht doch lieber lassen? Ich bin ja zu nichts verpflichtet und muss niemandem etwas beweisen. Aber ich WILL jemandem etwas beweisen! Nämlich mir selbst. Und dann sehe ich noch die Medaille, die es in diesem Jahr geben wird - was für eine Motivation! Die Entscheidung steht: Ich laufe! 

Hamburg Außenalster 1. Juli 2018: Rückkehr nach Hause 

11.15 Uhr - Gut die Hälfte der 21 Kilometer sind geschafft und ich weiß, ich werde die Strecke schaffen. Ohne Uhr habe ich nur eine ungefähre Ahnung, wie schnell ich bin. Aber das ist auch komplett egal, denn heute geht es nur um eins: Genießen! Klar,  je weiter ich komme, desto mehr Stellen fangen an zu zwicken. Es ist ziemlich warm, weshalb ich jede Getränkestelle dankbar ansteuere. Zwischendurch gibt es Momente, in denen ich ganz schön leide. ABER der Kopf treibt mich voran, die Füße gehorchen. Das war schon immer meine größte Stärke, die nach drei Geburten noch angewachsen ist: Ich kann mich ziemlich gut quälen. Wer mehrere Kinder auf die Welt gebracht hat, den kann nicht mehr allzu viel in die Knie zwingen. Ich denke, da werden mich viele Mamas bestätigen...

Je näher ich dem Ziel komme, desto breiter wird das Grinsen in meinem Gesicht. Und der letzte Kilometer ist der schönste seit langer, langer Zeit! Den Zielbogen im Blick bekomme ich Gänsehaut und es fühlt sich an, als würden mir Flügel wachsen. #dontrunfly schießt mir durch den Kopf! JA, genau das ist es! DAS hatte ich so vermisst. Dieses Gefühl der Freiheit, das man nur in Laufschuhen hat. 

12.23 Uhr - Ich überquere die Ziellinie. Mit einer Nettozeit von 2:15:irgendwas war das der langsamste Halbe, den ich je gelaufen bin. Aber es war einer der allerschönsten. Denn jetzt bin ich wieder daheim. Zurück in meiner Laufheimat! Mein Körper lässt mich sechs Monate nach meiner dritten Geburt einen Halbmarathon laufen. Und mein Kopf überflutet mich mit Glücksgefühlen, die noch tagelang anhalten werden. 

Der Mensch ist zum Laufen geboren. Das steht für mich spätestens seit letztem Sonntag fest. Der menschliche Körper - und ganz besonders der weibliche - ist ein absolutes Wunder! 



erstellt von
portrait

Eva Eigelshoven

teacher aus Hamburg

Altersklasse: W35

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