-Wo Schmerz ist, ist auch noch Leben!-

Es war dann nun endlich klar. Die Deutsche Meisterschaft im Ultratrail findet in Reichweiler beim Keufelskopf-Ultratrail (kurz K-UT). Jener Wahnsinns Wettkampf, dessen Strecke Eric Tuerlings und die Helfer des SV Reichweiler quasi aus dem Nichts des Hinterlandes zaubern. Die Charakteristik kommt mir sehr entgegen. Im letzten Jahr konnte ich dieses Rennen mit deutlichem Vorsprung gewinnen. Meine Motivation steht auf jeden Fall, bis in die Haar-bzw. Bartspitzen.

Zur Strecke: Wie soll man sie beschreiben, hoch, höher, runter, noch weiter runter, rechts, links, Büsche, Dornen, Brennnesseln, Äste, quer liegende Baumstämme, Kopf einziehen, springen, Klettern, kurze Seilpassagen, durch Bäche, über Felsen, schnelle „Forstautobahnen“ im Mittelteil…Man muss ehrlich gesagt schon ziemlich bekloppt sein, wenn man auf sowas steht, aber ich kann es nicht ändern, es liegt mir nun mal. Ich habe hier auch schon oft den Kommentar: „Einmal und nie wieder!“ gehört. Auch das ist absolut verständlich. Für mich ist dieser K-UT so etwas wie Paris-Roubaix im Radsport. Du musst es erleben! Du kannst es nicht erklären! Dieses Jahr ist die Streckenführung im Gegensatz zum Vorjahr doch etwas entschärft. Umweltauflagen auf Saarländischem Boden zwingen die Organisation dazu. Waren es noch 86km/3600hm im Vorjahr, sind es nun 78km/3000hm. Die erste Schleife ist verkürzt, es fehlt ein 600er. Generell gefällt mir das überhaupt nicht, war ich doch im Vorjahr so „locker“ erfolgreich unterwegs.

Meine Vorbereitung ist abgeschlossen. Das Trainingscamp in Andalusien (danke nochmal an sports-diagnostic.de) Die Aufgaben als Guiderunner in Berlin, Paris und London liegen hinter mir. Dadurch kam ich erst spät, Ende April zum spezifischen Training auf den Trails. Zwei konkrete Vorbereitungswettkämpfe mit dem Trail-o-Rama und dem Donnersbergtrail habe ich souverän für mich entschieden. Also, alles steht positiv.

Laut Meldeliste sind meine härtesten, bekannten Konkurrenten Martin Schedler und Adré Collet. André, ein Mann mit enormer Erfahrung. Mehrfacher deutscher 100km Meister und Altersklassen Weltmeister über 100km. Martin und ich haben es uns schon des öfteren sprichwörtlich bis zum Umfallen gegeben z.B. bei der DM 2015. Er hat sehr viel Erfahrung im Hochgebirge.

Endlich Raceday! Alles ist vorbereitet. Meine Familie ist gleich zu Beginn als Supportteam mit dabei um mich an den vier Vp´s von außen zu versorgen. Laut Reglement ist der K-UT autonom. Das heißt, es wird nur Wasser und zuvor aufgegebene Getränke an zur Verfügung gestellt. Sämtliche feste Nahrung ist über die gesamte Distanz mitzuführen. Aber für die DM gelten die Regeln des DLV. Eine halbe Stunde Autofahrt nach Reichweiler, Konkurrenten und Freunde begrüßen und ganz wichtig: Das Briefig von Chef Eric. O-Ton zur Streckenmarkierung: „Es handelt sich um Absperrflatterbänder im Abstand von 50-100m, Farbmarkierungen auf dem Boden und dumme Sprüche (dazu später mehr). Meine Schuhwahl fällt kurzer Hand auf den Trabuco7. Niemand weiß so wirklich, was der Regen der vergangenen Tage mit dem Wechselhaften Untergrund angestellt hat. Ich gehe auf Nummer sicher und vertraue auf das Gripmonster aus Japan. Danke auch hier nochmal an das ASICSFrontrunner Team für die Unterstützung.

Start frei, raus aus Reichweiler, ab über die Wiese. Die mini Startnummer muss in die Box! Man könnte es auch manuelle Kontaktschwelle nennen. So weiß die Orga, wer letztendlich gestartet ist. Schon geht es in den ersten verblockten Trail, welcher uns an der stillgelegten Bahntrasse Richtung Saarland ausspuckt. Bis jetzt ist alles noch beim lockeren Einlaufen. Die Spitzengruppe ist kompakt aber nicht sehr langsam unterwegs. Man kann die Anspannung schon deutlich spüren. Noch ist alles am Einrollen. Meine Herzfrequenz ist niedrig, noch deutlich unter meinem Schwellenwert. Egal, was die Anderen machen, ich werde keinesfalls zu schnell angehen. Das habe ich mir geschworen. Dieser Kurs verzeiht einem überhaupt nichts. Wir verlassen die Bahntrasse und es geht in die Höhe, wieder runter, und so weiter. Über MTB Singletrais oder auch mal einfach quer durch. “Sinnloses Höhenmeter Vernichten“, kurze Waldautobahnen, Wiesen mit mehr oder weniger gemähtem Gras und hin und wieder Brennnesseln. Zügig erreichen wir den ersten VP, bei Km19 viel schneller als geplant. Ich laufe direkt durch. Meine Vorräte sind noch ausreichend gefüllt. Aufgrund der Verkürzung ist es nicht so weit zum nächsten VP als im Vorjahr.

 Die Trails werden anspruchsvoller, die Steigungen giftiger, die Downhills steiler. Ich spanne mich an die Spitze der Gruppe und versuche das Tempo hoch und gleichzeitig angenehm zu gestallten. Meine Werte sind nach wie vor absolut im Soll. Zwischendurch überlasse ich Martin die Führungsarbeit. Kurz vor der zweiten VP bei km29 scheint es, als würde Andre Collet das Tempo erhöhen. Meine Werte bleiben unten, aber ich fühle mich etwas schlechter. Irgendwie klemmt es auf einmal etwas. Wir erreichen die Versorgung. Ich fülle beide Flasks auf, es dauert etwas länger, aber nur einige Sekunden. Andre ist schon weg. Martin und ich hinterher. Nun wird es vom technischen her einfacher. Das Gebiet von Andre Collet. Er zieht davon. Genau so habe ich es aber erwartet. Ich fühle mich zunehmend schlechter. Die Feste Nahrung muss ich mir mittlerweile wirklich reinzwängen, aber die Herzfrequenz ist unten, das ist die Hauptsache. Mensch, wir sind noch nicht mal bei der Hälfte und ich hänge doch schon deutlich drin. Naja, was soll´s? „Hinten ist die Ente fett“, heißt es doch so schön. Auf diesen Spruch von Michael Weigel beruhe ich mich. Ich bin nun alleine unterwegs. Das stört mich weitestgehend nicht, kann ich so doch meinen eigenen Rhythmus anschlagen und muss mir keine Gedanken machen, ob mir da und dort direkt einer wegläuft. So langsam geht die Sache mit den dummen Sprüchen los, welche liebevoll auf Schilder gedruckt wurden, die man dann irgendwo in der Pampa auf der Strecke an angebracht hat. Da steht dann sowas wie: „Nur noch ein Marathönchen“, das ist wohl selbsterklärend. „Umkehren wäre jetzt auch blöd“, das markiert die Hälfte der Distanz. Legendär: „Bewahre of the chair!“ Ein komfortabler Liegestuhl umringt von Bierkisten, an denen man sich fröhlich bedienen darf. Sensationell!

Von weitem kann ich über die Felder der Höhe bei Baumholder die VP3 erkennen. Mittlerweile km47. Kurz bevor ich diese erreiche, sehe ich, wie sich Andre bereits wieder aus dem Staub macht. Meine Familie steht parat und reicht mir alles, was ich benötige. Hauptsächlich Gels, die feste Nahrung habe ich mittlerweile abgeschrieben. Physisch wie mental laufe ich auf Reserve. Nicht nur der Wasservorrat ist leer. Ich fülle zum erstem mal auch Cola auf. „Andre ist viel schneller durch als du!“ sagen sie mir. Alles klar! Noch nicht mal eine Minute und ich bin wieder weg! Hauptsache ich laufe. Der Rest ist mir erst mal egal. Doch nach dieser VP beginnt die härteste Zeit. In den kurzen Abstiegen stellt sich Seitenstechen ein. Das hatte ich schon Jahre nicht mehr. Zum Glück verschwindet es wieder, sobald es bergauf geht. Ich fühle mich langsam, krame ein Gel heraus und dann passiert es: Auf offenen Strecke bleibe ich mit der Fußspitze an einem kleinen Baumstumpf hängen und drehe eine satte Rolle. Zum Glück ist der Boden weich und ich kann den Schwung zum Aufstehen nutzen. Ich fluche kurz. Jetzt bin ich aber tatsächlich wieder wach. „Reiß dich zusammen!“ Rede ich mir ein. Deine Abschnitte kommen noch.

 Langsam wird es wieder waldreicher. Auch die Steigungen werden wieder länger und ich kann sie teilweise sogar durchlaufen. Die Streckenposten und Kontrolleure, die ich unterwegs treffe, geben mir meinen Rückstand mit 10-15 Minuten an. Das ist doch schon ein Haufen Zeug. Ich bemühe mich positiv zu bleiben. Der K-UT verzeiht nichts. Ich kenne Ihn. Er trifft seine eigenen Entscheidungen. Hier spielt auch Glück eine Rolle. Oder besser gesagt, man muss sicher gehen, kein Pech zu haben. Da passiert es, an einer Kreuzung biege ich falsch ab. Genau so geht es auch den Markierern, die gerade bei mir am Kontrollieren sind. Sie pfeifen mich zurück. Gott sei Dank! Sonst wäre ich irgendwo verschollen. Die Markierungen haben schlichtweg gefehlt. Positiv bleiben! Weiter geht´s! Ich habe nicht viel verloren und noch ist nicht alles erledigt. Die Trails werden wieder technischer und steiler. Ich fühle mich zunehmend wohler. Wenn ich jedoch mein Hirn einschalte, denke ich daran, dass meine Nahrungsversorgung alles andere als optimal ist, generell eigentlich nicht vorhanden. Gels gehen doch dann irgendwie in größeren Abständen, gepaart mit Übelkeit. Alles normal, alles schon mal erlebt! Die Beine scheinen ansatzweise zu funktionieren. Man sollte sich fragen: „Wie lang noch?“ Aber das verdränge ich. Die letzte VP ist erreicht. Aus dem Grün direkt an die Tränke. Alles muss gefüllt werden. Meine Infos von außen: „Du schaffst das noch! Andre sieht viel, viel schlechter aus als du! Er ist auf keinen Fall schneller!“ Top Info! Motivation getankt und weiter. Auf und Ab, schmale Trails. Wenn man sich wohlfühlt, ein Paradies.

Der Letzte 600er steht nun an. Ich kann ihn sogar teilweise im Laufschritt bewältigen. Die Jangs auf ihren e-MTB´s hole ich ein. Jetzt gilt´s. Andres Vorsprung soll rund 10min betragen. Ungefähr 10km bis zum Ziel. Doch diese werden noch mörderisch. Eric kennt trotz weniger Distanz und Höhenmetern keine Gnade. Die Dummen Sprüche gehen weiter: „ Wenn es einfach wäre, würde es Fußball heißen!“ Vielleicht hat er ja Recht? Ausgewechselt werden kann ich auf Jeden Fall nicht! Und eine Ersatzbank gibt es auch nicht! Es wird immer technischer. Verblockte Felsen, Baumstämme, Bachläufe, Wahnsinnig steile Rampen auf und ab, teilweise mit Seilen gesichert. Sonst ginge hier gar nichts mehr. Ich muss höllisch aufpassen. Ich habe Krampfansätze, berghoch in den Oberschenkeln, bergrunter in den Waden. Na Klasse. Der Puls ist unten und die Beine schreien! Ich erreiche den Ortsrand von Reichweiler. Hier wird nochmals systematisch die mentale Fähigkeit belastet. Luftlinie zum Ziel: Vielleicht 200m! Man kann den Lärm am Dorfgemeinschaftshaus deutlich hören. Ehrlich gesagt, habe ich aufgegeben, Andre noch abzufangen! Es geht nochmals steil links ab und durch den Letzten Bachlauf, über grüne Wiesen und zum gefürchteten Steinbruch. Wobei „Bruch“ hier wirklich Programm ist. Die Brocken sind wahnsinnig scharfkantig. Der „Jubiläumstrail“ fehlt natürlich auch nicht. Das sch… Ding geht so steil hinunter, das man fast mit den Pobacken aufsetzt. Die Letze Wiese Steht an. Mitten drin, eine Mülltonne mit der Aufschrift „Beschwerden“. Ja klar: L.m.a.A…

Alle 100m wird nun Beschildert rückwärts gezählt, 1200m, 1100m,1000m… Ich erreiche den Sportplatz, werde ordentlich von den Campern angefeuert. Nun befinde ich mich am tiefsten Punkt von Reichweiler. Es geht nochmals hinauf. Schön langsam, sonst liege ich tatsächlich noch hier in der Wiese! Endlich auf dem Asphalt, die letzte Rechtskurve und dann hinunter ins Ziel. Die letzten Meter bewältige ich gemeinsam mit meiner Tochter.

Es war mir wieder ein Fest, eine Ehre, auf keinen Fall ein Vergnügen, dafür aber ein Wahnsinn und jede Menge „normale“ Leute!!!

Runde acht Minuten hinter Andre Collet über die Linie.- Ist das jetzt als Niederlage zu bezeichnen?- Ich hatte mir fest vorgenommen hier den Titel zu holen. Wenn nicht hier, wo dann? Jetzt, mehr als eine Woche danach habe ich alles verdaut und blicke sachlich auf das Ergebnis. Körperlich war es definitiv kein guter Tag. Zu keiner Zeit war ich wirklich im sogenannten „Flow“.

Aller besten Dank an Eric Tuerlings (Der Bekloppte, der sich sowas ausdenkt!) zusammen mit der Crew des SV Reichweiler, sowie an DLV und DUV für diese absolut würdige Meisterschaft. Auch wenn bis zu Letzt noch vieles unklar war. Ultratrail ist eben keine klassische Leichtathletik. Wie damit in Zukunft umgegangen wird ist abzuwarten. Das ist meine Meinung dazu! Danke an Gabi und Peter Gründling, die mit ihrem Knowhow aus unzähligen Veranstaltungen beitragen, an die Köche der genialen Lyonerpfanne, an Alle, die da waren und an mich geglaubt haben! Und vor allem an meine Familie, die mir so tatkräftig an den VP´s beistanden!!!

Fotos: Peter Gründling, SV-Reichweiler, Veranstalter

Weitere Infos und Ergebnisse:

sv-reichweiler.de/kut

erstellt von
portrait

Max Kirschbaum

Kfz-Technikermeister/ Serviceberater von Otterbach (Kaiserslautern)

Altersklasse: M 30
Verein: LG Ohmbachsee
Trainer: http://schork.sports-diagnostic.de/

Meine Disziplinen
Ultratrail

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