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470 Läufer auf drei atemberaubende Strecken und ein insgesamt erfolgreiches Event - so lässt sich das Wochenende rund um den 1. Mayrhofen Ultraks im Zillertal wohl passend zusammenfassen! In den folgenden Zeilen könnt Ihr mehr über meinen Start über die Langdistanz und wie es mir dabei ergangen ist, lesen.

Donnerstag, 20.06.2019 – Anreise nach Mayrhofen (Zillertal)

T-2 bis zum Start: Wir haben den Feiertag bzw. den darauffolgenden Brückentag in Bayern genutzt und sind bereits am Donnerstag nach Mayrhofen im Zillertal angereist, um uns zu akklimatisieren und schonmal etwas Atmosphäre aufzusagen. Abfahrt morgens um 9 Uhr in München – Ankunft zur Mittagszeit gefolgt von Check-in in unserem Hotel 200m von Start und Ziel entfernt. Das war auf jeden Fall schonmal ein Vorteil für Samstag, sollte ich doch den ein oder anderen Schmerz nach 54km verspüren. Ich lief dann noch eine kurze Runde und schaute mit die ersten 1,7km durch den Ort inkl. der ersten 200HM des Anstiegs nochmal an, die ich bereits vom Trailrunning-Camp von vor 4 Wochen kannte. Die Anspannung nahm schon langsam zu, als ich dann die ersten Markierungen und Schilder für das Rennen am Samstag sah… Vorfreude! Der Abend wurde entspannt bei gutem (und viel) Essen im ältesten Gasthaus des Zillertals (300 Jahre alt) verbracht.

Freitag, 21.06.2019 – Schlegeis-Stausee, Startunterlagen, Race-Briefing

T-1 bis zum Start: Da das Wetter für den Freitag ab Nachmittag nicht besonders gut angesagt war, wollten wir uns direkt am Vormittag noch etwas die Beine vertreten und brachen nach einem leckeren Frühstück mit Kurzbesuch von Eva (@evaslaufliebe) Richtung Schlegeis-Stausee auf. Der wunderschöne Stausee lag am Ende eines Seitentals des Zillertals aif 1800m Seehöhe und sollte unser Startpunkt für eine lockere Wanderung auf die Olperer Hütte sein. 600HM Höhenmeter gemütlich spazieren um...

  1. den Phantomschmerz aus den Beinen zu kriegen (F**k Tapering)
  2. die Beine langsam aber sicher auf das Brett einzustimmen, was uns morgen erwarten sollte.

Zurück am Auto, gestärkt mit einem leckeren Topfenstrudel auf der Hütte, brach auch schon der Himmel über uns herein und es fing an aus Eimern zu regnen – na wunderbar, das weicht das ganze Gelände nochmal richtig auf und macht die Trails besonders matschig/rutschig und erfordert damit noch größere Konzentration beim laufen. Aber da müssen ja schließlich alle durch! ;-)

Zurück im Hotel war zwischenzeitlich auch schon Ferdi mit seiner Familie, sowie Fränky und Ex-Frontrunner Jens Bäss angekommen. Ferdi und ich fingen sofort mit dem Fachsimpeln und der Rennplanung an, während wir uns auf den Weg zum Europahaus machten, das Dreh- und Angelpunkt für alle organisatorischen Angelegenheiten während des Ultraks sein sollte.

Einfach und schnell erhielten wir die Startunterlagen, gingen anschließend mit den Familien zum Carbo-Loading (PIZZA!) und waren pünktlich um 19:30 Uhr zum finalen Racebriefing wieder zurück im Europahaus. Die Wettervorhersage war so lala – aber ca. 14 Uhr sollte das Wetter umschlagen und uns erwartete viel Regen. Da wären wir ca. 6h unterwegs (und noch nicht im Ziel), was bedeuten würde, dass uns der Regen höchstwahrscheinlich auf dem letzten 1300HM Downhill zurück nach Mayrhofen treffen würde. Na bitte nicht!

Der restliche Abend bestand aus: packen, viiiiel trinken und schlafen!

Samstag, 22.06.2019 – It’s raceday!

T-0: Der große Tag mit 54km und 3810 Höhenmetern im Auf- und Abstieg stand bevor! Ich war bereits (natürlich!) vor dem Wecker um 6 Uhr wach und verspürte langsam aber sicher eine zunehmende Anspannung. Es hatte die ganze Nacht geregnet und der Himmel war wolkenverhangen – temperaturmäßig bestes Laufwetter, aber von Beginn an musste es jetzt dann auch nicht gleich Regnen…

Ferdi und ich genossen unser Sportlerfrühstück ehe es um 7:30 Uhr die 200m vom Hotel zum Start ging. Selten war ich (und auch Ferdi!!) so angespannt vor einem Rennen – aber dennoch hatten wir unglaublich Bock auf das, was uns erwarten sollte!

8:00 Uhr Startaufstellung – und was für eine… Mitinitiator der Veranstaltung war die Berglauflegende aus Mayrhofen, Markus Kröll, dem es gelungen war, für die Premiere eine Vielzahl der besten Trailläufer der DACH-Region ins Zillertal zu holen. So standen auf der LONG-Distanz neben Markus selbst u.a. Hannes Namberger, Thomas Farbmacher und Martin Schedler an der Startlinie. Die MIDDLE-Distanz nahmen u.a. Sebastian Hallmann, Martin Mattle und André Purschke in Angriff. Alles unglaublich schnelle (Nationalmannschafts-)Bergläufer – da waren schnelle Zeiten und ein enormes Starttempo garantiert!

Nervös vor dem Start!
Nervös vor dem Start!

8:14 Uhr Countdown: Obwohl ich echt ein positiver Mensch bin war mir in dieser Minuten nicht mehr ganz so zum lachen. Gott, das würde ein langer Tag in den Bergen werden – aber eigentlich genau das, worauf ich mich so lange gefreut hatte! Ferdi und Stefan (ich hatte ihn vor 4 Wochen beim Trailcamp kennen gelernt) hatten für sich entschieden, auf den ersten 1,7km durch den Ort ein höheres Anfangstempo zu gehen um sich selbst auf Touren zu bringen – ich rechnete also damit, dass ich die beiden kurz nach dem Start bis ins Ziel erstmal nicht mehr sehen würde….

8:15 Uhr 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – RUN: Und so kam es auch! Wir starteten in der 2. Reihe hinter den angesprochenen Profis, die den Sieg später unter sich ausmachen sollten – und Ferdi und Stefan gingen das unglaubliche hohe Tempo durch den Ort direkt mit… See you later guys! Aufgrund der folgenden 18km und 2000 positiven Höhenmeter im 1. Anstieg wusste ich, dass ich etwas konservativer an die Sache rangehen musste und reite mich in flottem Schritt in das bereits deutlich in die Länge gezogene Feld aus LONG und MIDDLE-Läufern ein um die ersten 2000 HM in Angriff zu nehmen (ich kann vorweg nehmen, ich Stand nicht 1x im Stau!!).

Serpentine um Serpentine ging es hinauf in Richtung VP1 am „Astegg“ gefolgt von weiteren Serpentinen über traumhafte Singletrails hinauf zum VP2 am „Gschösswandhaus“ auf 1800m Höhe. Die ersten 1200HM waren erledigt, ich fühlte mich gut, ernährte mich regelmäßig mit Wassermelonen/Gels/Iso und freute mich auf das großartige Panorama, dass uns dort oben erwarten sollte. Insgeheim hatte ich gehofft, vielleicht im Anstieg nochmal zu Stefan und/oder Ferdi aufzulaufen, aber die beiden „Flachländer“ hatten ein gutes Tempo vorgelegt und waren bereits ca. 12 Minuten vor mir am Checkpoint an der Granatalm (VP3) angekommen. Der Weg vom Gschösswandhaus zur Granatalm bestand aus welligem Terrain, das mir nicht ganz so liegt – ich bevorzuge eher steiles, technisches Gelände. Vorbei an Seen, Liften und Skipisten ging es weiter Richtung Rastkogel (2733m), dem höchsten Punkt der LONG Distanz und gleichzeitig dem Ende der ersten 20km mit 2000HM. Die Läufer der MIDDLE-Strecke bogen auf halben Weg dorthin bereits links wieder Richtung Mayrhofen ab während wir uns weiter steil bergauf über technisches Gelände und immer größer werdende Schneefelder nach oben kämpften. Das Feld war zwischenzeitlich so auseinander gezogen, dass ich außer einer Läuferin vor mir weit und breit niemanden erkennen konnte. Dementsprechend wusste ich auch nur schwer einzuschätzen, wo ich mich ungefähr im Gesamtklassement befand.

Kurz vor dem höchsten Punkt des Rennens, galt es nochmal einen kleinen Grat zu überqueren, in deren Mitte zwei Ordner standen und uns mitteilten, dass wir nicht über den Rastkogel laufen würden – stattdessen sollte es, aufgrund des unglaublich vielen Schnees, vorher rechts über ein Schneefeld nach unten und weiter Richtung Rastkogelhütte (VP4) gehen.

Der Rastkogel (2762m) - Bitte rechts abbiegen!
Der Rastkogel (2762m) - Bitte rechts abbiegen!

Mit Schneefeldern kannte ich mich spätestens seit dem Großglockner Ultratrail im letzten Jahr gut aus – aber das Schneefeld was uns hier erwartete, übertraf nochmal meine Vorstellungen. Sage und schreibe 300 Höhenmeter ging es teilweise steil hinunter – alles auf Schnee, ohne Ski und mit zwischenzeitlich komplett nassen und eiskalten Füßen. Gute 15 Minuten war ich nur auf Schnee unterwegs. Irre!!! Dennoch konnte ich hier, aufgrund meiner ganz passablen Skifahrkünste, zu 4 Läufern auflaufen und diese überholen. Unten angekommen lag ein weiterer wunderbarer Grat vor uns, auf dem man den kompletten Weg bis zu VP4 und über 2 weitere Gipfel sehen konnte. Weiter immer weiter ging es über Sahne-Trails, wir querten noch einige weitere Schneefelder, liefen durch Pfützen und Matschlöcher und so erreichte ich nach bereits knapp 4,5h und 27km / 2400HM die Rastkogelhütte. Hier machte ich eine etwas längere Pause, gönnte mir 2 Wassermelonen mehr sowie eine Gemüsebrühe um meine Speicher etwas aufzufüllen. Kurz zuvor hatte ich ein erstes Tief durchlaufen und musste mich wieder etwas aufpäppeln – zumal direkt von der VP ein kleiner Gegenanstieg mit 300HM folgte.

Rein aus Interesse fragte ich die zwei Damen an der VP noch, ob Sie sich an einen Mann mit dem gleichen Tshirt und auffälligem schwarzen Bart erinnern könnten und wie lang dieser schon durch sei – die beiden lachten nur und meinten „Jaja, ich hab ein Foto gemacht, des is sicher scho a Stund her!“. Da klappte mir kurz der Kinnladen runter – ich wusste, dass Ferdi schnell war – aber nach 27km schon eine Stunde Rückstand?? WOW!

Also schnell weiter, rauf aufs Kreuzjoch und über die Mitterwandsköpfe, den Rauhekopf und den Arbiskopf weiter Richtung Melchboden wo dann ENDLICH der erste Richtig feine, technische und schnelle Downhill des Rennens anstand. Ich verstaute die Stecken, zurrte die Weste fest und lies es bis runter zur VP 5 an der „Roswitha“ einfach mal laufen. Yes – geiles Gefühl! Die Kilometer purzelten und nach knapp 37km und ca. 6h Laufzeit erreichte ich den VP. Hier hatte ich schon geplant, nochmal richtig aufzuladen, da anschließend die wahrscheinlich härteste Stelle des Rennens folgen sollte: ein ca. 5km langer Gegenanstieg über 500HM wieder hinauf zum „Gschösswandhaus“, das wir heute Morgen schon passiert hatten. Also los!

Ein kurzes Verbindungsstück über Asphalt, dann links hinein in den Trail, etwas am Berg entlang und schlussendlich hinauf! Wieder Serpentine über Serpentine. Dies war tatsächlich der erste Punkt wo ich mir dachte: „WARUM? Immer solche sch**** Gegenanstiege… Bau doch einfach ne Brücke darüber!!“ Als dann auch noch eine Gruppe junger Pfadfinder mit rießigen Rucksäcken an mir vorbei liefen war meine Motivation mal kurz ganz unten im Keller angekommen… Musik ins Ohr, einmal kurz YOU’LL NEVER WALK ALONE aus voller Kehle mitschmettern und weiter gings. Immer weiter. Nicht umschauen, immer die 2-3m vor dir im Blick haben und einfach immer weiter gehen. „Win the Longrun“ – nix anderes!

Die Kraft kam zurück, ich hatte wieder Bock und nachdem in der Ferne das Gschösswandhaus (VP6) auftauchte wurde mir bewusst – bald war es soweit! Keine positiven HM mehr sondern einfach nur noch 1300HM bergab zurück nach Mayrhofen. Ich lud nochmal auf, genehmigte mir 2 Gels und zwei Becher Gemüsebrühe und stürzte mich Richtung Downhill. Der Streckenabschnitt war der Gleiche, den wir heute Morgen bereits hinauf gekommen waren und so konnte ich ungefähr einschätzen, wie weit es bis zur nächsten VP und bis ganz hinunter ins Ziel war. Ziemlich genau 13km to go! Attacke!

Ich konnte sehr bald 2 weitere Läufer vor mir überholen und wusste – wenn ich mich nicht noch auf die Nase lege würden diese Läufer mich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr überholen. Ich rannte weiter und erreichte nach nicht allzu langer Zeit die „Mittelstation“ am „Astegg“. Von hier waren es noch etwas mehr als 5km ins Ziel und meine Uhr zeigte eine Laufzeit von 7:45h aus. War hier noch eine Zeit von unter 8h möglich?? Ich fing an zu rechnen… Mein Ziel von unter 9h würde ich locker erreichen. Ferdi und Stefan waren, wenn die 1h Vorsprung an der Rastkogelhütte gestimmt hatte, schon längst im Ziel. Ich hatte also nichts mehr zu verlieren und holte nochmal alles aus mir heraus. Ich ging hohes Risiko obwohl ich wusste, dass der kommende Abschnitt des Downhills sehr steil und technisch war. Nachdem ich den ersten KM in einem 4:50er Schnitt absolviert hatte wusste ich – 10,5 min für 4 km – das würde sich nie mehr ausgehen. Somit nahm ich etwas Risiko raus und lief das Ding „sauber zu Ende“. Den letzten VP 7 am Gasthaus „Zimmereben“ lies ich links liegen und näherte mich langsam aber sich wieder dem Ortseingang von Mayrhofen. Die Straße rauf, links abbiegen in Richtung Fußgängerzone und dann einfach nur die Stimmung aufsaugen. 1,3km durch das Zentrum von Mayrhofen – unglaublich viele Zuschauer an der Straße, in Kaffees und zusätzlich zu diesem Gänsehautmoment kam auch noch die Sonne raus. Was war das für ein unglaublich schöner Moment. Die Emotionen überkamen mich – ich ließ den Tag im Schnelldurchlauf revue passieren und musste mir die ein oder andere Träne verdrücken. Ich hatte es gleich geschafft. Ich würde in meiner erst 2. vollständigen Laufsaison tatsächlich ein Rennen über 54,1km und 3810 HM in den Alpen finishen. Und die Leute feierten mich dafür auch noch. Gänsehaut pur!

Vorbei am Dorfplatz, rechts rauf Richtung Europahaus und dann konnte ich die Musik schon hören. Seelische Einstimmung auf den Zieleinlauf und dann ging es links runter in die Zielarea – roter Teppich, Musik und 50m Zielgerade um den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ich nahm Anlauf und mit einem großen Satz sprang ich nach 8:33:24h als Gesamt 72. (10. Platz AK M20) über die Ziellinie – direkt in die Arme von Markus Kröll, der mich persönlich in Empfang nahm. WAS FÜR EIN MOMENT!

Zielsprung in die Arme von Markus Kröll
Zielsprung in die Arme von Markus Kröll

Sonntag, 23.06.2019 – Der Tag danach!

Im Ziel fiel ich dann erstmal auch meiner Freundin in die Arme, ehe Ferdi und Stefan dazu kamen. Die beiden hatten ca. 50 bzw. 45 Minuten vor mir gefinisht – somit war mir auch klar, dass die Stunde Vorsprung an VP4 doch eher unwahrscheinlich gewesen sein musste. Alle waren gesund und munter und voll des Lobes über eine geniale und sehr facettenreiche Strecke – ein Trailschmankerl, wie es der Veranstalter nennt! – geniale Verpflegungsstationen mit exzellenten Volunteers, perfekt markierten und vorbereiteten Trails und einem reibungslosen Ablauf. Ganz großen Respekt und ein großes Dankeschön an alle Beteiligten, die dieses Event zu dem gemacht haben, was es war!

DONE! (but happy!!)
Done and dusted!

Die LONG Distanz gewann am Ende übrigens Hannes Namberger in einer unfassbaren Zeit von 5:20h vor Thomas Farbmacher und Marcus Burger. Auf der MIDDLE Strecke hieß der Sieger wenig überraschend Sebastian Hallmann.

Weitere Informationen / Ergebnisse: http://mayrhofen.ultraks.com/de/

erstellt von
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Sebastian Gotzler

Consultant von München

Altersklasse: Men

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