Es war wieder soweit. Der Start beim London Marathon. Was will so ein Trailrunner wie ich eigentlich bei so einer Veranstaltung und überhaupt in so einer Stadt?

Klar, ich habe die Rolle des Giderunners für den Sehbehinderten Tien-Fung Yap. Und das ist eine wahnsinnig Ehrenvolle Aufgabe auch im Dienste des DBS (Deutscher Behindertensportverband). Der London Marathon zählt zum IPC-Worldcup, speziell für Para-Athleten der unterschiedlichen Handycap Einstufungen. Es ist die Internationale Weltelite vertreten. Vor allem das Feld mit den drei Sehbehinderten-Klassen T11,T12,T13, ist hier besonders stark vertreten. Tieni startet in der T12, also der mittleren Klassifizierung. Es ist ihm generell freigestellt mit Guide zu laufen oder nicht. Er hat sich dafür entschieden, mich für solche Fälle an seiner Seite zu haben!

Die Temperaturen sind sehr untypisch warm, ja fast sogar schon heiß, teilweise über 25Grad, die ganze Woche über. Für den Wettkampftag soll eine leichte Abkühlung stattfinden, aber wohl erst zum Nachmittag hin. Wir starten um 9h Ortszeit in einem Aussenbezirk östlich von London, ein separater Startblock, nur für die para-Athleten. Ganze 19 Teilnehmer, plus Guides zählt das Starterfeld der T11/T12-Klasse. Das Hauptfeld startet erst eine Stunde nach uns. Man hat also die Nase komplett frei und das bei einem mit 40 000 Finishern einem der größten Marathons der Welt. Was ein Luxus. Wir beginnen also unseren Rhythmus, 4:06-4,07min/km. Soweit die Marschrichtung. Das Nationaltrikot prangt sichtbar über Tienis Schultern, die Arme Schwingen, der Rhythmus ist gut. Die Leine, mit der wir laut Reglement verbunden sein müssen, pendelt frei zwischen uns. Die Sonne steigt höher und höher, sie brennt schon gewaltig. Das wird ein harter Tag. Die Zuschauer werden immer häufiger und vor Allem stetig lauter, was der Motivation generell doch recht gut tut, jedoch durchaus auch für ein Stück des Guten zu viel sorgen kann, was bei Tieni in der Vergangenheit schon mal vorkam. Die Orga hat bei diesem Wetter die Getränke-VP´s verstärkt, was auch absolut notwendig ist. Wir kommen der Innenstadt näher, die Zuschauermassen werden dichter und dichter und vor Allem lauter! Unsere km-Zeiten pendeln um maximal 2Sekunden. Das ist sowas von Optimal. Tien-Fung verzieht keine Miene, das ist ein sehr gutes Zeichen.

 Wir erreichen die Tower-Bridge kurz von der Halbmarathonmarke. Absperrungen und alle paar Meter Sicherheitspersonal müssen die tosenden Zuschauermassen zurückhalten, welche in fünf bis sechs Reihen hintereinander stehen. Ohrstöpsel wären absolut angebracht. Eine Kommunikation zwischen Tieni und mir ist an dieser Stelle absolut unmöglich. Ich verstehe noch nicht einmal mein eigenes Wort. Felix Diemer, unser kurz zuvor noch angeheuerter Fotograf wartet nach der Brücke auf uns und schießt drauf los, was die Kamera hergibt. Direkt nach der Brücke erleben wir kurzzeitig absolute Stille. Was ein Gegensatz, doch die Ohren brummen. Wir fokussieren uns weiter auf den Rhythmus. Die Pace ist immer noch absolut konstant. Als es auf km30 zugeht, klagt mein Athlet über leichtes Seitenstechen. Oh nein! Aber ich weiß, so etwas kann er wieder in den Griff bekommen. Wir lassen die ein-oder Andere Wasserstelle aus, um noch Schlimmeres zu verhindern. Irgendwie schleppen wir uns auf die Lange Gerade an der Themse entlang. Ehrlich gesagt, die Pace ist beim Teufel! Für Tien-Fung geht es nur noch ums Überleben und ich eiere nebenher und kann absolut nichts mehr tun, außer Ihm so viel Wasser, Iso und Gels zu reichen, wie nur möglich.

Wir überholen noch zwei Konkurrenten, denen es noch wesentlich schlechter zu gehen scheint, das gibt etwas Mut. Wir befinden uns auf der endlos langen Gerade entlang  der Themse, Richtung London-Eye und Big-Ben. Die Euphorie der Zuschauermassen erreicht für mich mittlerweile ungeahnte Ausmaße, mitten im schwersten Stück! Endlich, nach über zwei km erreichen wir den Rechtsknick am Big-Ben. Der letzte km. Tien-Fung scheint nur noch Körperlich bei mir zu sein. Er ist brutal am Limit. Dennoch versucht er nochmals zu beschleunigen, dieser Teufelskerl. Doch es ist noch zu früh. Er nimmt wieder Tempo raus. Die allerletzte Rechtskehre auf die Zielgerade vor dem Buckingham-Palast. Der Zeitenmonitor! Ich animiere Tieni nochmals, schreie ihn zusammen, mit Allem was geht. Doch er ist einfach zu platt für den Zielsprint. So erreicht er wirklich auf der allerletzten Rille die Ziellinie. Der arme Kerl kann sich  kaum noch auf den Beinen halten. Sofort ist ein Sanitäter zur Stelle. Was eine geniale Organisation! Er checkt kurz die Lage und vergewissert sich, dass alles in Ordnung ist. Alles klar, wir sind einfach nur Marathon gelaufen! Tieni steht wieder. Oder doch nicht?! Unsere DBS Betreuerin Marion empfängt uns. Erst ist mal alles still. Ich sage besser nichts. Momentan ärgert es mich noch, dass wir die Pace nicht halten konnten. Doch Tieni hat noch ganz andere Probleme. Er bekommt nämlich die Krämpfe seines Lebens. Nach kurzer Abkühlung im zusätzlich aufgebauten Ventilatorpark, schaffen wir es mit allen möglichen Stützen irgendwie in das rettende Zelt, für die Eliteläufer. Ja, für alle Eliteläufer. Auch die Topstars aus Kenia und Äthiopien sind anwesend und geben fleißig Interviews. Nur, dass sie eine Stunde später als wir gestartet sind.

Nachdem die ganze Mannschaft wieder halbwegs gesammelt ist, geht es zunächst mit dem Bus und dann mit dem Boot über die Themse wieder zum Hotel, wo wir ebenfalls unter tosendem Applaus empfangen werden. Wahnsinn!!! Von unserem Hotelzimmer aus, kann man noch den verbleibenden Läufen zuschauen, die sich noch über die Tower-Bridge schleppen zuschauen. Eindrücke: Unbeschreiblich! Nach Dusche, Physio und kurzem Nickerchen geht es abends zur Siegerehrung in eine alte Werft an den Docks. Wieder mit sämtlichen Top Athleten aus allen Kategorien.

Zu guter Letzt möchte ich mich noch bei Allen Mitwirkenden bedanken: Harry Lange, der sich als T13er ohne Gide durchschlagen musste und trotz Sturz noch knapp über 3h reinkam. Hans-Rainer Hupe, der wirklich gar nichts mehr sieht und als „mit50er“ mit seinen beiden Guides in wahnsinnigen 3:08h finishte. Hier muss man erst mal jemanden ohne Handycap finden, der zu so etwas in der Lage ist. Dann noch Steffen Klitschka, der erst alleine Starten wollte, für den dann spontan Florian Graser einsprang, der dann halt mal ohne jegliche spezifische Vorbereitung einen Marathon lief undmit Steffen ebenfalls knapp über 3h reinkam. Dann wäre da noch Marion Peters unsere Betreuerin, die sämtliche Organisation für uns übernommen hat und dabei es noch geschafft hat diesen „Haufen“ hier zu bändigen.

So Tieni, jetzt bist du dran: Gut, bei keinem von uns lief die Vorbereitung auch nur halbwegs vernünftig und die Bedingungen waren aufgrund der Hitze und dem kontinuierlichen Gegenwind sehr hart, aber ich weiß, dass das bedeutend besser geht.P14 von 17 ist nicht das was wir wollten. Aber der olympische Gedanke zählt! Ich schätze, wir haben sonst über alles gesprochen…      

Fotos: Felix Diemer (felix-diemer-photography.com/), Privat

 

erstellt von
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Max Kirschbaum

Kfz-Technikermeister/ Serviceberater von Otterbach (Kaiserslautern)

Altersklasse: M 30
Verein: LG Ohmbachsee
Trainer: http://schork.sports-diagnostic.de/

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