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Kenia

Um etwas Neues zu lernen, um besser zu werden, muss man auch mal nach Kenia, dachte ich mir. So beschloss ich dort für zwei Wochen einen Schnupperkurs zu machen. Da meine Guides bzw. Kollegen entweder arbeitsbedingt verhindert oder aus Respekt vor einem fremden Land nicht als Begleitung fungieren konnten, beschloss ich die Reise, mit meinen Vater als sehendes Auge, anzutreten. Ich versuchte meine Eindrücke in eine Art Trainingstagebuch zu erfassen. Es gibt sehr viel zu erzählen, aber ich versuche mich auf das Sportliche zu beschränken. 

Tag 1: Das Abenteuer kann beginnen 

Am 20.07. ging der Flieger um 11:20 von Frankfurt aus Richtung Nairobi. Nach knapp 7 ½ Stunden waren wir gegen 20 Uhr Ortszeit (+ 1 std.) in Nairobi angekommen. Da in den Monaten Juli und August in Kenia Winter ist, herrschten draußen bei unserer Ankunft angenehme 16 Grad. Sofort hieß es dann Koffer abholen und abgeholt werden. Denn, wir wurden von meinen Freund Paul, Milo und der Frau von meinen Freund Henry mit dem Auto abgeholt. Es waren dann von Nairobi in die, mit ca. 1900 HM hoch gelegene, Stadt Kikuyu rund 50 km zu fahren. Erstaunlicherweise liegt Nairobi mit knapp 1500 HM schon sehr hoch. Während der Autofahrt beschäftigten mich viele Fragen: Wo und wie werde ich schlafen? Was gibt es zu essen? Wie werden die 2 Wochen vergehen? Usw. Doch eine Frage musste ich dringend loswerden: Gibt es hier frei rumlaufende Tiere wie Gazellen oder Löwen? Die beiden lachten mich aus und sagten, dass die nur im Nationalpark anzutreffen sind. Ich war ein wenig enttäuscht, dass man hier nicht mit afrikanischen Tieren, wie Zebras oder Gazellen, um die Wette laufen kann. Wer die Tiere dennoch hautnah erleben möchte, gibt es noch den Safari Marathon. Der findet jährlich gegen Ende Juni statt und führt quer durch den Wildpark. Mein Freund erzählte mir, dass es mit knapp 3500 HM einer der härtesten Marathons der Welt sei. Nicht, weil es durchs Gelände führt, sondern auch aufgrund eines Streckenabschnitts, der nur 8 km lang hoch führt. Auch wenn ich sowas in den nächsten Tagen nicht erleben sollte, bin ich trotzdem neugierig und voller Vorfreude auf die nächsten Tage. Kurz vor der Ankunft verließen wir die Autobahn und es ging eine trailige Passage in Richtung Abgelegenheit. Da die Wege hier sehr unwegsam und uneben sind, wurden wir im Auto regelrecht durchgeschüttelt. Nach weniger als einer Stunde kamen wir endlich in Kikuyu an. Das Haus, in dem mein Freund Henry und seine Familie leben, liegt sehr tief im Niemandsland und ist aufgrund der Bodenbeschaffenheit zu Fuß sehr schwer zugänglich. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, hörten wir die ganzen Gänse schnattern. Denn, Henry hat einen Bauernhof um sein Haus. Es ist kein typischer Bauernhof wie bei uns in Deutschland. Die Tiere, darunter Hähne, Truthähne und Gänse laufen frei um das Haus. Ungefähr 4 Kühe sind im Stall eingeschlossen. Später erfuhr ich noch, dass die Gänse Wache halten sollten. Immer wenn jemand das Privatgelände betritt, schnattern die Gänse was das Zeug hält und versuchten einen sogar zu beißen. Heilfroh im Haus angekommen ging es nach dem Abendessen ins Bett. 

Tag 2: Neues Land, neues Laufen 

Es ist nichts mit Durchschlafen. Mitten in der Nacht wachte man auf, weil die Gänse rum schnattern, geschweige denn vom Ausschlafen ist auch nicht die Rede. Denn, um 4:30 Uhr fingen die ersten Hähne an zu krähen und das alle Paar Minuten. Ich versuchte trotzdem irgendwie noch zu schlafen. Um 8 Uhr war es dann soweit. Mein erstes Training auf dem kenianischen Boden.Mein Freund und Guide Paul holte mich ab und es ging auf die Laufstraße. Es nieselte ein wenig und es waren angenehme 14 Grad, allerdings sieht es mein Freund anders und läuft mit Mütze und Handschuhe. Bereits nach knapp 400 m merkte ich den Höhenunterschied. Der Puls und die Atmung nahmen bei mir deutlich zu. Als ob das nicht reichte, so ging es auch noch die ganze Zeit auf und ab. Die Straßen machten es mir auch nicht einfacher. Ziemlich natürlich unwegsam und sehr sehr steinig würde ich den Untergrund beschreiben. Da war ich sehr froh, einen stabilen Schuh wie der Kayano angezogen zu haben. Bei diesem Profil würden mich meine Guides, aus Deutschland, nicht unbedingt begleiten wollen, da man kann nicht jeden Stein und jede Unebenheit ansagen kann. Da war ich froh, einen erfahrenen Guide wie Paul zu haben, der sich in der Umgebung auskannte. Da er sonst immer meinen blinden Freund Henry Wanyoike begleitet. Ich versuchte beim Laufen alle Eindrücke aufzusaugen. In der Höhe war die Luft sehr angenehm frisch. Nur die sporadisch an uns vorbeifahrenden Autos und Motorräder verdrecken die angenehme Luft. Wenn es nach deutschem TÜV gehen sollte, wäre nur jedes 30. Fahrzeug zugelassen. Nach 8 km in einer Stunde war dann Feierabend, da war ich auch sehr froh endlich angekommen zu sein. Nun ging es erstmal unter die Dusche, welches sich in einem sehr engen Badezimmer befindet. Sowohl Toilette als auch Dusche waren in einem kleinen Raum, sodass man beim Duschen quasi direkt vor der Toilette stand. Es gibt einen Schalter, um das Wasser entweder auf kalt oder warm zu stellen, bevor man ins Bad ging. Von dort aus konnte man nur noch das Wasser an- oder abstellen. Nicht, dass das Bad schon eine schlechte Ausstrahlung hatte, sogar das Wasser aus dem Duschkopf war nicht besonders ausstrahlend und floss nur langsam heraus. So musste ich Mühe und Geduld aufbringen, um mich zu Waschen. Danach fühlte ich mich nie wirklich im Reinen, doch es gab noch ein anderes Problem: Ich musste schauen, wie ich aus diesem engen Raum wieder rauskam. Zum Mittagessen gab es Ugali. Das Lieblingsessen vieler Kenianer, die darauf schwören, dass es ihnen Kraft und Energie verleiht. Mir persönlich schmeckt diese Pampe aus gekochtem Maismehl nicht. Es schmeckt einfach fade, nach nichts. Auch wenn dazu Bohnen und kenianischer Spinat serviert wird. 

Tag 3: Sonntag ist Ruhetag 

Mitten in der Nacht schnatterten die Gänse wieder wie verrückt und rissen mich aus dem Schlaf. Nachdem ich irgendwann wieder einschlafen konnte, dauerte es bis kurz vor 5 Uhr: Kikeriki, kikeriki…, muh, muh… Bei dieser Geräuschkulisse war an Weiterschlafen gar nicht mehr denkbar. Da ist der Fluglärm dagegen bei uns im Rhein-Main-Gebiet noch harmlos. So hatte ich mir das hier eigentlich nicht vorgestellt. Dennoch versuchte ich, trotz zahlreicher Unterbrechungen, so weit es ging, wieder einzuschlafen. Gegen 9 Uhr wachte ich mit Schlafdefizit auf und fühlte mich auch nicht wirklich leistungsfähig. Das musste ich heute zum Glück auch nicht, da an Sonntagen nicht trainiert wird. Die meisten Kenianer sind Christen und gehen Sonntags immer in die Kirche. Für den Rest des Tages amüsieren sie sich mit Freunden oder entspannen sich einfach nur. 

Tag 4: Der Höhenunterschied 

Um 5 Uhr hieß es schon, wie jeden Morgen: Kikeriki… Eigentlich muss man sich hier keinen Wecker stellen, da man recht früh von den Tieren geweckt wird. Das war auch gut so, denn die Kenianer treffen sich immer um 6 Uhr zum gemeinsamen Lauf. Paul holte mich ab und wir trafen uns mit einer Gruppe von 6 Läuferinnen und Läufern. Auffällig war, dass die Kenianerinnen sehr sehr klein und zierlich sind. Zudem fiel es mir auf, dass ich der einzige ohne Winterbekleidung unterwegs war. Mit einem schmunzelnden Anblick sagte ich mir, es sind doch nur angenehme 13 Grad. Doch vielleicht sollte ich mich auch warm anziehen. Wer weiß, was die Kenianer für ein Tempo mit mir laufen wollen. Doch zum Glück kam es nicht dazu, dass ich vorgeführt wurde. Da mein Guide Paul der Kopf der Truppe war, übernahmen wir die Führung und gaben das Tempo vor. Es war sehr neblig und die Luft war für mich irgendwie sehr dünn. Obwohl wir mit knapp unter 5er Schnitt unterwegs waren, fühlten sich die Beine ziemlich schwer an. Erst, nachdem wir einige Höhenmeter abgestiegen waren und uns auf ca. 1600 HM befanden, war es für mich einigermaßen erträglicher. Erträglich hieß für mich allerdings weiterhin qualvoll, denn die Strecke ging weiterhin auf und ab. Zum Glück habe ich, Dank Max, einige Erfahrungen in Bergläufen sammeln können, sodass ich mit den Auf- und Abstiegen besser umgehen konnte. Dennoch war ich immer froh, wenn wir einen geraden Abschnitt hatten. Nur waren auch diese Strecken sehr anspruchsvoll, denn asphaltierte Straßen suchte man hier vergeblich. Die Straßen sind hier von Natur aus so kaputt und steinig, so dass man beim Laufen ständig darauf achten musste, wie man den Fuß aufsetzte und dabei nicht umknickte. Bei diesem Untergrund würde sich die Lebenserwartung der Schuhe deutlich reduzieren, aber zum Glück hatte ich wieder den Kayano an, der mich vor dem Umknicken bewahrte. Nach gut 14 km waren wir dann endlich fertig. Daraufhin fragte mich Paul, ob ich nicht um 16 Uhr noch mal laufen möchte. Zögernd stimmte ich zu und ergänzte, dass ich jetzt schon fertig für den Tag bin. Daraufhin sagte er lediglich, dass wir nur 8 km locker laufen werden. Naja nun hieß es erstmal ausruhen. Als es 16 Uhr wurde, starteten wir gemeinsam mit einer Läuferin unsere 8 km Strecke. Diesmal hatte ich mich für den Schuh DynaFlyte II entschieden. Es dauerte nicht lange, bis ich das erste mal umknickte und es passierte während dieser Strecke auch noch einige Male. So musste ich enttäuschend feststellen, dass der DynaFlyte und die beiden anderen Noosa, die ich für die Reise mit eingepackt hatte, für dieses Terrain nicht so gut zum Tragen kommen werden. Ab der nächsten Trainingseinheit werde ich auf diese Schuhe verzichten und der Kayano sollte es richten (oder wie ich ihn hier auch nannte: Kenyano). Auf der Straße war es sonst wieder das gleiche Bild: roter sandiger Boden, sehr steinige Passagen, Auf- und Abstiege, Feinstaub vom Feinsten von den Autoabgasen und zwischendurch mal eine Kuh oder eine Ziege auf der Straße. Gegen 17 Uhr waren wir dann auch fertig mit dem Laufen und wir trafen auf dem Rückweg meinen blinden Freund Henry Wanyoike, bei dem ich für die zwei Wochen wohnen durfte. Er sagte mir, dass er gerade von einem Wettkampf aus Iten kam. Außerdem verriet er mir einige Tipps, was das Training in Kenia anging:Lage des Trainingslagers:  Man muss nicht unbedingt nach Iten. Kikuyu macht es auch. Iten ist von Nairobi schwieriger zu erreichen und 300 m höher gelegen, aber dafür ist Kikuyu morgens angenehmer zu laufen, weil es hier nicht so kalt ist.Guide: Hakunanama tata – was so viel wie kein Problem bedeutet. Hier finde ich immer einen Guide auf meinem Niveau, der mich begleitet. Training: Die Trainingsbelastung entspricht hier das Doppelte als auf dem Flachland. Also, wenn ich hier 10 km trainiert habe, wäre die Belastung vergleichbar wie 20 km auf dem Flachland – so fühlte es sich auch immer an. Ich war sehr froh, einen wie Henry hier zu kennen, von dem ich noch vieles lernen konnte. Er war mehrmaliger Goldgewinner bei den Paralympics. Seine Weltberühmtheit erlangte er durch die Aktion bei den paralympischen Spielen, im Jahr 2000, in Sydney. Dabei begleitete Ihn sein Guide über die 5000 m Strecke, der in den letzten paar Metern einen Schwächeanfall erlitt, so schleppte Henry seinen Guide buchstäblich noch die letzten Meter bis zum Ziel durch und Gewann dennoch souverän Gold. 

Tag 5: Das Training auf der kenianischen Tartanbahn 

Der Tag startete heute, wie eigentlich jeder anderer Tag um 6 Uhr mit einem Läufchen. Diesmal ist auch mein blinder Freund Henry und sein anderer Guide mit am Start. Wir liefen zum größten Teil die selbe Strecke, die wir auch am Montag gelaufen sind. Einige Streckenabschnitte konnte ich mir anhand der lang gezogenen „down- oder up-hills“ gut merken. Nichtsdestotrotz hätte ich, aufgrund meines schlechten Sehvermögens, zu viel Schiss hier alleine zu laufen. So uneben wie die Straßen hier alle sind, würde ich mich alle 5 Meter lang legen. Erstaunlicherweise stellte ich fest, dass ich mich schon an die Höhe angepasst hatte. Denn, meine Atmung und mein Puls waren wieder annähernd auf einem humanen Niveau. Auf unserem Weg trafen wir viele Grundschüler, die zu Fuß zur Schule gingen. „Muzungo“ (was so viel wie Ausländer bedeutet) oder „How are you“ kam von dem einen oder anderem Schüler. Die sind immer sehr neugierig, wenn sie einen „Ausländer“ zu Gesicht bekommen. Einige erlaubten sich sogar einen Spaß und liefen 400 m mit uns mit, dabei musste ich mir die Frage stellen: Bin ich wirklich so langsam unterwegs? So langsam, dass mir ein Knirps zeigen muss, wie man läuft? Das Klischee hat sich also bestätigt, dass die Schüler lange Wege zur Schule gehen – und das bei solchen Straßenverhältnissen. Es sind nur die Ausnahmen die es sich leisten können und entweder mit dem Auto oder mit dem Bus zur Schule gebracht werden. Nach gut 10 km waren wir mit dem Laufen fertig und dehnten uns noch ausgiebig an einem Baumstamm. Einer der Läufer sagte mir sogar, dass ich sehr gut sei, v.a. bei den Hills. Aber ich musste Ihnen gestehen: Every training is like a challenge for me! Dann kam Paul zu mir und sagte, dass er mich um 9 Uhr abholen möchte und wir dann noch auf der Bahn Intervalltraining machen werden. Ich dachte ich hörte nicht richtig und fragte noch zweimal nach. Doch er meinte wirklich 9 Uhr! Ich bin es gar nicht gewohnt, zweimal am Tag zu trainieren und gleich so kurz hintereinander. Es waren nämlich nur noch knapp zwei Stunden… Um 9 Uhr holte Paul mich ab und wir gingen auf die Laufbahn. Naja Laufbahn ist übertrieben. Es ist keine Tartanbahn, wie man es kennt. Es ist eher ein Ackerfeld mit einer 330 m Runde. Auch hier hat der Boden , wie bei den anderen Laufstrecken, nicht den besten Zustand. Sehr holperig und steinig mit einigen Schlaglöchern – eben Natur belassen. Sehr viele Läufer aus der zweiten Laufgruppe, die von Paul trainiert werden, machten sich bereits warm. So gingen Paul und ich ebenfalls zum warm machen. Danach hieß es dann 5 x 400 m auf dem Ackerfeld. Schnelle Zeiten kann man im Vergleich zur Tartanbahn natürlich nicht erwarten. In Deutschland würde ich die 10 x 400 m in 1,12 min laufen, doch aufgrund der Umstände hier, waren die 5 x 400 m in 1,23 min erwartungsgemäß langsamer. Es standen eigentlich noch ein Paar 200 m Sprints auf dem Programm, allerdings kam es für mich nicht mehr dazu. Bei mir brach die Unterschenkelverletzung wieder aus, die ich seit einigen Wochen mit mir rumschleppte. Außerdem war das Training mit der morgigen Einheit mehr als genug. 

Tag 6: Hill-work for muscule power 

Um 6 Uhr machten Henry, unsere Guides und ich uns auf die Laufstrecke. Es ging heute erstaunlicherweise überwiegend flacher zu, als sonst. Ich merkte gleich, dass wir heute anders liefen. Ein Abschnitt führte uns 3 km über eine Landstraße. Es fühlte sich mal gut an, über eine asphaltierte Straße zu laufen. Doch, so gut es sich anfühlte, hätte ich doch lieber darauf verzichtet, da der Verkehr auf dieser Straße und die entsprechenden Abgase einfach schrecklich waren. Froh war ich, als wir im Dorf endlich wieder auf den natürlich kaputten Straßen waren. Nach 1:05 h beendeten wir unsere 14 km Morgensession. Um 9:30 ging es dann gleich ohne Frühstück weiter mit Hill-work. Dafür gingen Paul und ich zu einer noch steileren Passage. Dort hieß es dann 20 Minuten lang 100 m hoch und wieder runter. Das Intervalltraining hatte es in sich. Die 100 m waren mit 56 HM bestückt, von denen wir 11 Male geschafft hatten. Nun weiß ich, warum die Kenianer kein Krafttraining brauchen – abgesehen davon, dass es sich niemand finanziell leisten kann, ins Fitnessstudio zu gehen. So langsam lernte ich den Trainingsalltag der Kenianer kennen: Früh am Morgen wird zweimal hart trainiert und dann wird der ganze Tag nur ausgeruht. Später lüftete ich noch das Geheimnis, warum die Kenianer meistens eine Glatze haben. Paul sagte mir, dass die einen Afro haben und es immer sehr stressig ist, die Haare zu pflegen. Außerdem stört es beim Laufen und vergrößert den Luftwiderstand. 

Tag 7: Meinen ersten Muskelkater 

Mittlerweile hatte ich mich an den Lärm der Tiere gewöhnt, so dass ich nachts einigermaßen durchschlafen konnte. So hatte ich langsam keine Probleme mehr damit gehabt um 5 Uhr schon von den Hähnen sanft geweckt zu werden. Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, ging es mit Henry um 6 Uhr zu unserem Treffpunkt. Unsere Guides, Paul und James, trafen ein und wir liefen endlich los. Es war mit 10 Grad kälter als sonst. Für mich war die Temperatur sehr angenehm, während die Kenianer trotz Winterausrüstung noch froren. Es war wohl so kalt, dass man den Smog, den die Autoabgase produzierten, deutlich sah. Es war der Feinstaub vom Feinsten. Da hieß es nicht nur Augen zu, sondern auch Nase zu und durch. Nun sieh an. Ich hatte meinen ersten Muskelkater an den seitlichen Hüftmuskeln von der gestrigen Einheit. Ich merkte es besonders bei den Abstiegen, während ich mich bei den Aufstiegen so gut gefühlt hatte, wie noch nie. Mit 9 km in 44 Minuten waren wir heute gut unterwegs gewesen. Nach dem Frühstück ging es dann zum National Museum in Nairobi. Später, gegen Nachmittag, gingen wir für einen 3 km Spaziergang noch mal raus. Es ging hauptsächlich nur hoch und das Profil machte es mir nicht leicht, auf der Strecke zu bleiben. Danach merkte ich die Belastung an den Fußmuskeln und mir war klar, warum die Kenianer keine Fußgymnastik brauchten. Denn, wenn man immer auf solch steinigen Straßen läuft, trainiert man nicht nur dieFußmuskeln, sondern verbessert auch die Reaktionsfähigkeit. 

Tag 8: Das Leben ist kein Spiel – aber das Laufen schon 

Schonungslos standen heute wieder zwei Einheiten auf dem Programm. Nach der ersten Einheit um 6:30 Uhr mit 14 km, stand für 11 Uhr noch ein Fahrtspiel über 5 km an. Gegen 11 Uhr trafen Paul und ich irgendwo an der Laufstrecke auf die anderen Läufer unserer Gruppe. Die Sonne ging höher und höher und es waren schon warme 19 Grad. Die erste Minute auf vollspeed war angebrochen. Dann folgte eine Minute Trabpause. Das Spiel ging dann so weiter – Fahrtspiel eben. Das ganze konnte ich 3 km durchziehen und für mich war dann auch Schluss, weil mir mein Unterschenkel einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Schlussendlich liefen wir gemächlich den Weg nach Hause, während die anderen Läufer weiter machten. 

Tag 9: Der lange Dauerlauf 

Es war Samstag und es hieß long run. Der knackigste Tag der Woche wartete auf mich. Geplant waren 20 km. Ich hatte irgendwie Schiss, es nicht zu packen, da 20 km in Kenia doch was anderes sind, als auf dem Flachland. Um 6 Uhr ging es wieder los. Die ersten 3 km ging es dann raus aus Kikuyu. Danach ging es eine verkehrsreiche Landstraße entlang und schließlich Richtung Ondiri, eine idyllische Gegend. Auch hier machten es mir die Straßen nicht leicht zum Laufen. Es ging hoch und runter und so weiter. Wir umliefen Afrikas zweitgrößten Sumpf, der für Menschen nicht ungefährlich ist. Ich erfuhr, dass man dort wie in Treibsand hineingezogen wird und an einer anderen Stelle in Kenia, in Naivasha wieder rauskommt. Nachdem wir den Sumpf hinter uns ließen, kamen wir in einem Waldabschnitt. Sehr sehr trailige Passagen hatten wir zu überwinden. Die Bäume sowie Sträucher dufteten nach Medizin und vor uns ging die Sonne auf. Man, war das ein Erlebnis. Nach gut 21 km in 1:50 h waren wir dann auch endlich fertig – und ich erst recht. Für mich fühlte es sich wie ein Marathonlauf an. Nach dem Frühstück ging es dann noch zum National Park. 

Tag 10: Das war’s 

Nach der harten Woche war ich froh, endlich ausschlafen zu dürfen – naja, wenn man es ausschlafen nennen konnte. Nach dem Frühstück spazierten wir noch mal Richtung Sumpf. Auf den Straßen war es erstaunlich ruhig. Es lag daran, das es Sonntag war. An dem Tag pilgern die meisten Richtung Kirche und es herrscht absoluter Ruhetag. Für mich herrschte ab sofort auch nur noch Ruhetag. Aufgrund meiner anhaltenden Beschwerden am Unterschenkel, verordnete ich mir für die letzte Woche eine Laufpause. So flogen mein Papa und ich für ein Paar Tage nach Mombasa und erholten uns am Diani Beach. 

Mein Fazit: 

Zuerst muss ich sagen, dass ich am Anfang erstmal Probleme hatte, die Kenianer und ihr Swahili-Englisch zu verstehen. Nichtsdestotrotz liebe ich die kenianische Kultur. Die sind von der Art her sehr gelassen und sehr sehr gastfreundlich. Sogar in der Familie gab man sich zur Begrüßung immer wieder die Hand. Was das Höhentraining angeht, muss ich sagen, das man nicht unbedingt dafür nach Kenia muss. Man könnte sich das Geld und die lange Reise sparen. Denn, in Seisa Alm oder St. Moritz beispielsweise, kann man in vergleichbarer Höhe trainieren – und das sicherlich auf besseren Straßen als in Kenia. Apropos Straßenverhältnisse, als ich wieder in mein Oberolmer Wald war, lief ich einfach wild los. Die kenianischen Straßen haben mich so abgehärtet, dass es mir egal war, wie der Boden war und ich flog unbekümmert über jeden Stock und Stein. Aber wer einen zusätzlichen Reiz für seine Fußmuskeln braucht, ist wahrscheinlich auf kenianischen Straßen genau richtig. Außerdem ist es interessant zu sehen, wie hart die Kenianer trainieren und wie sie aus wenig, viel machen. Zudem könnte man natürlich das Höhentraining mit anderen Erlebnissen wie Nationalpark, Safari Tour etc. verbinden. Generell kann ich sagen, Kenia ist ein sehr vielfältiges Land. Man findet dort einfach alles: Strand, Natur, Berge, Nationalparks… 

Ich habe noch meine 5 persönlichen Gründe entdeckt, warum die Kenianer zu den weltbesten Läufern gehören: 

1. Ernährung: Fleisch ist bei den Kenianern sehr teuer, geschweige denn Fisch. Wenn es dann mal Fleisch auf dem Teller kommt, ist es keine Billigproduktion aus der Massentierhaltung. Mich überzeugte außerdem auch, dass die Kenianer hauptsächlich das aßen, was bei den lokal angebaut wird. Dabei verwenden die keine Chemikalien. Es waren alles überwiegend Bio-Produkte aus dem eigenen Land. 

2. Teamwork: Die Kenianer trainieren immer in einer Gruppe. Die haben alle das gleiche Ziel: Sie wollen alle irgendwann mal Preisgelder einfahren und bauen sich gegenseitig auf. In der Gruppe wird sogar auf den langsamsten Rücksicht genommen. 

3. Höhe: Da die meisten Kenianer in der Höhe aufgewachsen sind, sind ihre Körperfunktionen dementsprechend an die Höhe angepasst. Sie haben also gelernt, mit der geringen Sauerstoffkonzentration in der Höhe umzugehen. Mit diesem zusätzlichen Motor haben sie im Flachland einen erheblichen Vorteil, weil ihnen dort quasi mehr Sauerstoff zur Verfügung steht, welches Sie aufnehmen können. Mit der vermehrten Sauerstoffsättigung des Blutes verbessert sich auch der Stoffwechsel der Muskulatur. 

4. Gen: Ein entscheidender Punkt denke ich, liegt an den Erbinformationen. Die Evolution begann schließlich in Afrika, v.a. im Osten, wo man dort einige Funde von unseren Vorfahren verzeichnen konnte. Unsere Vorfahren, wie Neandertaler, waren Jäger und Sammler. Somit vermute ich, dass die Kenianer im Vergleich zu den anderen Nationen, am nahe gelegensten, Gene zu den Jäger und Sammler haben. 

5. Beruf: Laufen ist in Kenia ein Beruf. Da einige nicht wissen, was die nach der Schule machen wollen oder viele mit der Arbeit sehr wenig verdienen, lassen sich viele von Berufsläufern anstecken. Sie fahren ihre Preisgelder meistens in Asien ein, weil sie dort keinen Visum brauchen. Und wenn sie beispielsweise den Bangkok-Marathon gewinnen sollten, wäre dies schon ausreichend, die Wohnungsmiete für ein Jahr abzudecken.  

Ich wünschte, ich wäre manchmal auch ein Kenianer und könnte Vormittags zweimal trainieren und für den Rest des Tages nur regenerieren. Also, Kenia, du hast mir sehr gut bekommen. Ich werde zurückkommen!



erstellt von
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Tien-Fung Yap

Physiotherapeut aus Mainz

Altersklasse: M20

Verein: BSG Mainz

Trainer: Marion Peters

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