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Brutal mental in den April

Schon am ersten Aprilwochenende ging es bei mir richtig gut los. Ich konnte mir den DM-Titel der Sehbehinderten / Blinden im Rahmen des Berlin Halbmarathons mit einer Zeit von 1:23:51 h sichern. Es rollte sehr gut. So befreit und locker, bin ich schon lange keinen Wettkampf mehr gelaufen. Spätestens nach diesem Wettkampf, nachdem meine Beine sich noch gut anfühlten, wusste ich, da geht noch mehr.

Weiter ging es die Woche darauf beim ASICS FrontRunner international meeting in Paris:

Dort trafen wir viele internationale Frontrunner. Man tauschte sich aus, lernte sich kennen und man lernte voneinander.

Die Tage in Paris waren bestickt mit jede Menge work shops, Fotoshooting, 10 FrontRunner aus jeweils verschiedenen Nationen, die von London nach Paris gelaufen sind und und und…

Und natürlich noch den Paris Marathon, den Max und ich als eine ideale Vorbereitung für meine WM nutzten. An dieser Stelle bedanken wir uns noch mal für das mega Wochenende in Paris und natürlich auch noch für den Videodreh von Thomas Pickelner.

Am 25. April flogen Lini Ramberg und ich, als die einzigen Auserwählten aus dem Deutschen FrontRunner Team für ein Fotoshooting nach Valencia. Wir durften für das „Shine Kampagne“ von ASICS mitwirken, worauf wir sehr stolz sind. Es war für uns beide sehr aufregend und natürlich eine große Ehre gewesen dabei sein zu dürfen.

Am nächsten Abend ging es für mich gleich weiter nach London, wo sich bereits Max und unsere Betreuerin Marion befanden. Dort fand in diesem Jahr der IPC-world-championship im Rahmen des London Marathons für mich statt. Wir waren wieder, wie in den letzten Jahren im Tower Hotel, wo u.a. Kipchoge und Mo Farah auch untergebracht waren. Es ist für mich immer etwas ganz Besonderes, wenn ich bei einem internationalen Wettkampf auf viele Paraathleten aus verschiedenen Nationen, insbesondere aus meiner Startklasse, treffe.

Am nächsten Tag - Pre-race-day - trafen Max und ich nach dem Frühstück unserem Fotografen, Felix Diemer, den wir vor zwei Jahren in London kennen gelernt haben , zum Fotoshooting.

Gegen Nachmittag stand für mich noch die Klassifizierung auf dem Programm, ohne die ich bei der WM sonst nicht starten durfte. Bei der Klassifizierung wurden die Augen untersucht und die Sehschärfe kontrolliert.

Abhängig der Sehschärfe wurde man entsprechende Klassen zugeordnet:

T11 = blind, muss mit Guide laufen

T12 = stark sehbehindert, darf, muss aber nicht mit Guide laufen

T13 = sehbehindert, darf nicht mit Guide laufen

Ich wurde ganz sicher in der Klasse T12 eingestuft.

Bei dem Sehtest hielt mir der Untersucher eine Karte mit der Buchstabe „E“ aus verschiedenen Entfernungen vor und ich musste, falls ich es sehen konnte, sagen, in welcher Richtung der Buchstabe zeigte. Allerdings sind diese Sehtests sehr subjektiv, so dass ich einfach hätte sagen können, dass ich das nicht sah und aufgrund dessen wahrscheinlich in der Klasse T11 gelandet wäre. Mir wäre die Klasse T11 sogar vorteilhaft, weil dort die Normen für die WM und Paralympics generell niedriger sind, als bei T12. Für mich kam es nie in Frage, auf eine betrügerische Art und Weise mir einen Vorteil dadurch zu schaffen.

Obskur war nur, dass die ersten drei Platzierten aus der Klasse T12 stammten und allesamt ohne Guide Zeiten von 2:21 liefen…

Am Abend stand noch das Briefing und die Kontrolle der Wettkampfausrüstung an. Das Outfit der Nationalmannschaft musste frei von Werbung sein. Unsere Verbindungsleine wurde auf den Zentimeter nachgemessen und durfte eine Spannlänge von 50 cm nicht überschreiten. Nachdem wir den Freifahrtschein für den Lauf erhielten, gingen Max und ich gleich zum Abendessen. Die Kohlenhydratspeicher wurden noch mal kräftig aufgeladen und danach ging es nach einige Dehnungsübungen ab ins Bett.

Am nächsten Morgen – race day – hieß es um 4:30 Uhr aufstehen, duschen, frühstücken und Sachen packen. Punkt 6:30 Uhr wurden wir vom Hotel mit den Bussen zum Startbereich gefahren. Nach knapp 45 Minuten kamen wir endlich an. In der Start-Area angekommen, zeigte das Thermometer 9 Grad an. Das Wetter war trüb, so dass sich die Sonne hin und wieder zeigte. Für mich war es ein optimales Marathonwetter. Nur auf den Wind, der sich später erst beim Laufen bemerkbar machen wird, hätte ich verzichten können.

Bis zum Start hatten wir noch genug Zeit, um uns noch mal locker zu machen. Îch nutzte die Zeit sinnvoll und bereitete mich mental auf die Laufstrecke vor. Da Max und ich den London Marathon bereits zweimal unter den Füßen nahmen, sollten wir die Tücken dieser Laufstrecke eigentlich bestens kennen.

Um 8:55 Uhr war der call und wir wurden langsam Richtung Startlinie gelotst.

Unser Startbereich war, wie auch schon in den letzten Jahren, ein ganz seperater, als der von dem Hauptfeld. Das kam uns auch zugute, weil wir keinen Massenstart wie bei den sonstigen Volksläufen hatten.

Der Startschuss fiel für uns Paraathleten um 9:10 und wir hatten sowas von freie Bahn. Während sich die meisten meiner Konkurrenten uns davon laufen, musste Max schauen, dass wir nicht gleich überpacen. Wir versuchten unseren Masterplan umzusetzen, was wir im Vorfeld besprochen hatten und gingen das Rennen mit etwas mehr als 4er Schnitt an. Es fühlte sich alles ganz locker an. Gegen km 4 kamen schon die ersten Problemzonen. Mein Guide, Max musste schauen, dass er mich über einige Bremsschwellen „speed bumps“ sicher führt. Denn, ein falsches Auftreten kann schon einige unnötige Energie kosten. Aber heute hatten wir noch ein anderes Problem als diese Bremsschwellen. Ein verdammt ekliger Gegenwind hatte auch ein Wörtchen mitzureden, der uns an diesem Tag noch lange begleitete. Ich konnte mir die ganze Zeit denken, was Max dachte: „Der Gegenwind wird den Tieni zu schaffen machen. Sowas ist er überhaupt nicht gewöhnt. Das könnte heute sehr schwer werden.“

Ich blieb tapfer und versuchte die Pace zu halten. Nachdem wir jetzt einige Zeit die Themse entlang gelaufen sind, kam bei km 10 das Segelschiff „Cutty sark“, welches wir einmal umrunden mussten. Von da an ging es Richtung Zivilisation und die Stimmung wurde immer gigantischer. So emotional war hier die Stimmung am Streckenrand wie kein anderer Lauf, sodass bei mir die Gänsehaut sogar zum Vorschein traten.

Die Zuschauer standen dicht gedrängt am Streckenrand und brüllten immer was das Zeug hält – einfach Wahnsinn!

Max und ich waren immer noch sehr gut in der Pace. Zwischendurch meldete sich der Wind wieder von vorne – und das auch noch in den Momenten , wo wir leichte Anstiege überwinden mussten.

Bei km 19 überholten uns die Elite-Frauen, die 30 min später nach uns gestartet sind. Es war der Moment, wo man uns im Fernsehen sah ;).

Am VP von km 20 holte Max die von mir abgegebenen Gels und es ging zum Höhepunkt des Laufes: Auf die Tower bridge!

Die Tower bridge war sowas von gefüllt von tosenden Zuschauern, die eine unfassbar Ohrenbetäubende Stimmung machten – einfach phänomenal!

Kurz nach der Brücke war gleich auch die Halbzeitmarke, die wir mit 1:26 passierten. Es wurde etwas ruhiger, Aber nur für einen Moment und dann nahm die brilliante Stimmung weiterhin seinen Lauf. Zwischendurch waren wir sogar schneller unterwegs gewesen als gewollt. Obwohl Max dies erkannte, flunkerte er mich dennoch an und meinte, wir wären noch in der geplanten Pace.

Die Verbindungsleine schwingte weiter locker zwischen uns und der Rhythmus war weiterhin sehr gut. Erst gegen km 30 war ich gespannt, ob der gefürchtete „Mann mit dem Hammer“ kommt. Denn, dort waren einige Stellen, die mich in der Vergangenheit traumatisiert haben, an denen ich schlechte Erinnerungen habe. Nachdem ich diese Stellen ohne Probleme passiert habe, wusste ich, heute könnte es eine gute Zeit werden. Ich versuchte trotzdem auf die Euphoriebremse zu treten. Es waren schließlich noch etwas mehr als 10 km zu absolvieren und es warteten noch einige Bremsschwellen und moderate Anstiege auf uns.

Als die Bremsschwellen und die Anstiege bei km 36 kamen, grüßte der Wind zum unpassenden Zeitpunkt erneut von vorne. Mittlerweile bewegten wir uns um die 4,10er Schnitt und wir sind noch voll im Soll. Es ging jetzt nur noch den umgekehrten Weg die Themse entlang über London Eye und Big Ben. Das Tempo, wie in der ersten Hälfte konnte ich nicht mehr halten. Damit hatte ich gerechnet, weil die zweite Hälfte beim London -Marathon insgesamt gesehen schwieriger zu laufen ist, als die erste. Max versuchte mich trotzdem noch zu motivieren und sagte die ganze Zeit, dass es heute richtig geil wird.

Dann kam auch noch das: meine rechte Oberbauchgegend fing an zu drücken und bereitete mir Atembeschwerden. Ich ließ mir nichts anmerken und versuchte an Max dran zu bleiben. Es kam bei km 40 noch eine Unterführung, an die ich mich noch sehr gut aus den letzten Jahren erinnern konnte. Ich versuchte noch mal kräftig ein- und aus zu atmen, um mein Druckgefühl irgendwie weg zu bekommen. Wir näherten uns auch schon das Ende der Unterführung. Von Weitem konnte ich nicht das Licht am Ende des Tunnels, sondern eine lautstarke Stimmung schon vernehmen. Draußen säumten, wie schon über die ganze Laufstrecke hinweg, wieder unmengen Zuschauern den Streckenrand. So eine geballte Ladung Stimmung für die letzten Kilometern wünscht man sich bei jedem Lauf.

Es gab mir noch mal einen ordentlichen Motivationsschub und ließ mich meinen Problem vergessen. Vorbei am Buckingham Palace ging es dann nur noch geradeaus. Und endlich, das ersehnte Ziel! Der Zeitmonitor zeigte bei uns 2:54:09 an, was gleichzeitig eine neue PB für mich bedeutete. Unser Masterplan ging überraschend auf, obwohl Max mich bei der Pace des Öfteren anflunkerte. Max und ich, wir fielen uns in den Armen und wir freuten uns, dass ich heute über mich hinaus gewachsen bin.

Unsere vorgenommene 2:53 hatten wir zwar knapp verfehlt, aber bei dem permanenten Gegenwind waren wir mit dieser Zeit mehr als zufrieden.

Meine Platzierung möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich bin in meiner Startklasse 14. von 16 Finishern geworden.

Da das Starterfeld bei dieser WM sehr stark besetzt war, versuchten wir uns, nur auf unserem Plan zu konzentrieren.

Nun heißt es für mich, mit voller Konzentration auf einen Herbstmarathon. Der Zug nach Tokio ist sicher noch nicht abgefahren.

Danke an mein Guide, Max für die Begleitung!

Danke an den DBS für die Nominierung!

Danke an unsere Betreuerin Marion Peters für die Unterstützung!

Danke an Daniela Dihsmaier für das brutal mentale Gespräch in Paris!

Und natürlich Danke an unseren Fotografen Felix Diemer für die genialen Fotos!

erstellt von
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Tien-Fung Yap

Physiotherapeut von Mainz

Altersklasse: M25

Verein: BSG Mainz

Trainer: Marion Peters

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