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Mein erster Extrem Hindernislauf und wie dieser mein Laufleben für immer veränderte.

``Wieso machst du das eigentlich? Wieso kriechst du freiwillig durch den Matsch?``. Ich glaube ich habe diese Frage schon mehr als zwei Dutzend Mal gehört. 

Alles begann vor knapp anderthalb Jahren als mich Mittwoch Abends ein Freund anrief und fragte: "Judith, wie siehts aus? Hast du Lust am Wochenende bei einem OCR mitzulaufen?" 

Am selben Abend setzte ich mich vor den PC. Denn zu diesem Zeitpunkte wusste ich noch nicht mal was OCR bedeutet. OCR (= Obstacle Course Racing) bedeutet im deutschen soviel wie Extrem-Hindernislauf. Aber was ist ein Extrem-Hindernislauf? Ich stöberte weiter und verbrachte den Rest des Abends mit Videos in denen Menschen durch den Matsch kriechen, Baumstämme den Berg hoch schleppten und sich über Gewässer hangelten und dachte mir nur: "Wie soll ich das nur schaffen?!" Andererseits: Was hatte ich zu verlieren?

Am darauffolgenden Wochenende wagte ich mich dann in das Abenteuer OCR, eine mir bis dato fremde Welt, die meine eigene Welt in den kommenden anderthalb Jahren komplett auf den Kopf stellen sollte. 

18 Kilometer und 38 Hindernisse - das war der Plan. 

Mit 12 Mann (darunter außer mir nur eine weitere Frau) ging es dann Samstag Morgen auf nach Weeze. Auf dem alten Flughafen Gelände angekommen wurde mir klar, das der heutige Tag kein Zuckerschlecken wird, als ich vom Parkplatz aus die ersten Männer bei praller Hitze schlammverschmiert über Holzwände klettern sah. 

Ich war nervös und hatte keine Ahnung ob ich es überhaupt ins Ziel schaffen würde. Diese Gedanken waren absolut überflüssig, wie sich später herausstellte. Selbst wenn man alleine startet, auf der Strecke ist man nie alleine. Egal ob bei meterhohen Mauern, schlammigen Hügeln oder bei den Carries, man findet immer helfende Hände! Ich hatte zu diesem Zeitpunk schon viele Läufe gemacht aber in keiner Laufsportart hatte ich einen derartigen Teamgeist gesehen wie im OCR. 

Immer noch nervös ging es an den Start. Mit etwa 100 Mann pro Startgruppe wurde sich hier erstmal warmgehüpft und geboxt. Langsam wurde ich mitgerissen von den lauten Schlachtrufen der OCRlern und meine Nervosität verflog nach und nach. Der Countdown begann, Gänsehaut und endlich ging es los, ich wurde von der Masse mitgerissen. 

Nach einer etwa 400 Meter langen Laufstrecke in zügigem Tempo kam nun endlich das erste Hindernis - 3 aufeinander folgende Schlammhügel die durch Wassergräben miteinander verbunden waren. Den ersten Hügel zu schnell angerannt und schon rutschte man der Länge nach wieder nach unten. Ich war von Kopf bis Fuß schlammverschmiert und das beim ersten Hindernis. 37 weitere sollten noch folgen. Mit Schnelligkeit konnte man hier also nicht punkten, es war Technik gefragt. Etwas langsamer und breitbasischer wagte ich mich nun an den Hügel ran und siehe da, ich war oben angelangt. Ich rannte in den Wassergraben bis mich das Wasser etwa hüfthoch umgab. Zunächst noch zusammengezuckt, würde ich die Kälte des Wassers im Verlaufe des Rennens vor lauter Adrenalin immer weniger bemerken. Durch meine Wasser durchtränkten und mit Schlamm verzierten Schuhe und Kleidung wurde der nächste Hügel wortwörtlich zur Rutsch- und Kletterpartie. Ich bekam meine Füße kaum noch hoch, denn meine Schuh hatte sich durch den Schlamm in einen Betonklotz verwandelt und ich schleppte die nächste 400 Meter einen ganzen Kilo mehr mit mir rum. 

Stolz das erste Hindernis, die sogenannte ``Mud Hills`` ohne größere Blessuren gemeistert zu haben, ging es mit dem Team weiter zu den Wall und Net Climbs, denn nun wurde auch unsere Arme auf die erste Kostprobe gestellt. Mit Hilfe des Teams gelang es uns alle 12 Mann über die immer höher werdenden Wände und Netze zu befördern. Resultat: Die meisten Knie waren nun erst mal blau und die Hände wund. Nachdem wir eine Weile gelaufen waren und wir bereits einige Hügel mit Hilfe von Seilen erklommen und Flussabschnitte durchschwommen hatten, kamen wir zu zwei Klassikern der Hindernissszene, die sich eigentlich in jedem Rennen wieder 

finden: Dem "Mud Crawl" und den "Monkey Bars“.

Bei den Money Bars gilt, wer scheitert wird klatschnass. Die Monkey Bars ähneln einem Klettergerüst an dem es gilt sich über einen Wassergraben zu hangeln, wer vor dem anderen Ufer abstürzt der geht baden. Beim Mud Crawl bleibt keiner verschont. Hierbei gilt im Schlamm unter einem Stacheldrahtzaun entweder durchzukrabbeln oder durchzurollen. 

Aber was wäre dieser Lauf ohne neue Herausforderung gewesen. Ich weiß noch genau wie ich am anderen Ende des Ufers auf die Monkeybars zurückblickte und erstmal einen lauten Jubelschrei rausließ, weil ich es einfach nicht glauben konnte diese gemeistert zu haben! Ich war einfach nur baff zu was mein Körper im Stande war,  als hinter mir einige Männer ins kalte Nass flogen !  

Aber es war kaum Zeit sich darüber Gedanken zu machen, denn schon war das nächste Hindernis im Anflug, welches mir einen großen Schrecken versetzte. 

Zunächst sah ich nur ein 5 Meter hohes Gerüst auf welches man raufklettern sollte. Doch oben angekommen wurde mir klar, dass das dies erst der Anfang war. Denn es würde uns hier oben 5 Meter über einem See wortwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen. Mein Herz fing an zu rasen und schon öffnete sich der Boden und ich fiel. Mit einem lauten Schrei und einem unfreiwilligen Bauchplatscher stürzte ich hinab in das eiskalte Wasser. Unter Wasser hatte ich das Gefühl nicht mehr Atmen zu können, so sehr schnürte mir die Kälte meine Lunge zu. Die Wassertemperatur lag an diesem Tag bei 2 Grad, wie sich später herausstellen sollte. Ich öffnete die Augen und versuchte so schnell wie möglich an die Wasseroberfläche zu gelangen. Mein Herz raste wie verrückt als ich endlich wieder atmete. Ich blickte fassungslos nach oben, wo ich vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte und dachte mir, das ist es also das ist dieses Gefühl. Vom Adrenalin gepackt schwamm ich so schnell es ging aus dem See. Und weiter ging es auf die Laufstrecke. Ich hatte mich noch nie so lebendig und frei gefühlt wie in diesem Moment.

Die nächsten Kilometer und Hindernisse flogen nun förmlich an mir vorbei und erst als ich die Ziellinie überquerte bemerkte ich meine offenen Knie und zitternden Hände. Ich hatte es geschafft, ich hatte meinen ersten Extrem Hindernislauf geschafft.  Noch immer zitternd aber mit einem dicken Lächeln im Gesicht schleppte ich mich zur Abspritzstation, wo sich jeder Läufer mit einem Gartenschlauch  (und eiskaltem Wasser versteht sich beim Hindernislauf ja von selbst ) duschen konnte und die Klamotten und Schuhe wurden erst mal schlammverschmiert in große Müllsäcke gepackt.

Nachdem ich zwei Teller Nudeln verdrückt und meine schlammverschmierten Schuhe in der Badewanne abgeduscht hatte, betrachtete ich meine Beine, die von Kratzern und blauen Flecken übersät waren. Das war er also: mein erster OCR!

erstellt von
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Judith Katharina van Vugt

Physiotherapeutin, Athletiktrainerin, Personal Trainerin aus Köln

Altersklasse: 25-29

MEINE DISZIPLINEN
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