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164km, 5600hm und der Wolf…

Pfälzer Weinsteig, 164km, 5600hm und der Wolf…

Was soll ich sagen, gegen Ende des Jahres steht er an, der Pfälzer Weinsteig 100Meilen Ultratrail. Im letzten Jahr war ich zum ersten Mal dabei und es reichte direkt zum Sieg.

 Damals machte ich mir keinerlei Gedanken, es war ja schließlich mein erster 100Meiler,ich hatte nichts zu verlieren, kein Ziel und  keine Vorgabe und „Abkacken“ ist bei einer solchen Veranstaltung (Finisherquote durchschnittlich 50%) auch mal vollkommen in Ordnung. Dieses Jahr ist das anders, als Titelverteidiger mache ich mir doch einige Gedanken. Wie schnell kann man so etwas wirklich laufen? Ich setze mir den theoretischen Wert von sub20h, davon erzähle ich natürlich niemandem, geht auch keinen etwas an! Das wäre über 1:20h schneller als in Vorjahr. Es könnte wirklich zu schaffen sein, zumal ich dieses Jahr die Strecke besser kenne. Jedoch zweifele ich kurz zuvor noch an meiner Vorbereitung, hat mir der kurze Urlaub am Gardasee wirklich gut getan, oder waren mehr als 2000hm am Stück sonntags zuvor doch zu viel? Die Orientierung mit den Markierungen ca. 10auf 10cm ist wirklich sehr Anspruchsvoll, bei hohem Lauftempo und in der Nacht umso mehr. Dort habe ich letztes Jahr viel Zeit verloren, immer wieder stehenbleiben und nach dem Weg schauen. Bloß nicht falsch abbiegen!

Der Lauf wird eigentlich nur von dem Ehepaar Günther und Christine Bruhn aus Laumersheim veranstaltet. Günther, selbst erfahrener Ultraläufer rief diesen Lauf vor 4Jahren ins Leben. Es ist ein reiner Einladungslauf, denn Günther möchte überwiegend Leute am Start stehen haben, denen er diese Distanz und das Profil sowie den Umgang mit Unvorhergesehenem, welches hier in Hülle und Fülle entstehen kann durchaus zutraut. Dadurch fühlt man sich sehr geehrt und weiß dies absolut zu schätzen und hat auch entsprechend die Hosen voll. Glücklicherweise gibt es jede Menge freiwillige, leidenschaftliche Helfer entlang der Strecke und an den VP´s, die alles geben und ihr Bestes für uns tun.

Das Briefing freitags abends im Sportheim in Obersülzen, wo auch dann der Zieleinlauf stattfindet. Günther schafft es sich kurz zu fassen, was mir als Heimschläfer sehr entgegenkommt. Ab nach Hause und aufs Ohr hauen. Die Nacht ist wesentlich unruhiger als ich erwartet habe, klar kommt vor, aber es gefällt mir nicht! 4:00h klingelt der Wecker! Irgendwie ist doch noch nicht alles Gepäck beisammen. Ich checke nochmals alles, dann passt es doch. Jetzt aber schnell ins Auto und nach Obersülzen. Dort startet um 5:30h der Bus nach Schweigen-Rechtenbach ans südliche Ende des Weinsteigs. Raus aus dem Bus und schnell nochmal die Toilette aufgesucht. Das Weintor ist extra für uns hell erleuchtet. Wahnsinn, was man für so einen Haufen verrückter alles macht. Nach ein paar kurzen Worten von Chef Günther geht es unter dem Song „Weit, weit weg“ von Hubert von Goisern pünktlich um 7:00h auf die verdammt lange Reise Richtung Norden. Nach der Absage von René Strosny soll ich wohl der einzige „top“ Favorit auf den Gesamtsieg sein. Noch ist es dunkel und nicht gerade warm mit noch nicht einmal 10Grad. Sofort setze ich mich vom Rest des  Feldes ab, ich muss direkt mein Tempo finden, alles andere hat keinen Wert. Ich bin sofort allein. Daran wird sich auch in den nächsten knapp 21h nichts ändern. Die Markierungen! Ich muss auf die Markierungen achten, vergleiche mit dem Track auf meiner Uhr, den ich mir zumindest für die erste Hälfte der Distanz heruntergeladen habe. Gleich nach einem Kilometer kommt die erste für mich unschlüssige Ecke. Ich warte kurz auf Stefan Müller mit seinem Mörder Navigationsgerät. Wäre doch richtig gewesen, die Markierungen sind wieder da. Das fängt ja gut an, wenn das so weiter geht…schlecht für den Rhythmus. Die nächsten km verlaufen gut und zügig. Die erste Wasserstelle nach 11km in Dörrenbach lasse ich direkt liegen. Soweit ist mir die Streckenführung noch aus dem Vorjahr bekannt, alles läuft. Bis auf eine kleine Abzweigung, wo ich mich auf einmal neben dem Track befinde. Verdammt, wieder zurück und dann direkt durch die Büsche, auf den richtigen weg. Nach der Begegnung mit zahlreichen Dornen blute ich nun anständig an mehreren Stellen, nicht so schlimm! Viel schlimmer ist, dass ich jetzt mehrere Minuten verplempert habe! Die erste VP an der Burg Landeck nach 25km erreiche ich um 9:12h.

 Jacke aus, so langsam wird es doch deutlich wärmer. Die Stirnlampe verstaue ich und krame die Sonnenbrille hervor. Ein paar Kekse geschnappt und weiter geht´s. Vielleicht war es hier ein Keks zu viel. Leichte Magenbeschwerden stellen sich nun ein. Die ersten Meter berghoch nach der VP merke ich noch nichts, aber dann muss ich doch das Tempo drosseln. Mit fortschreitender Verdauung wird es langsam Besser. An der Wasserstelle bei km41 wartet Günther auf mich, ich muss meine Drinkblase ein wenig auffüllen, nur 0,5l sonst wird es zu schwer. Die Softflask fülle ich mit Fruchtsaft, etwas Zucker für zwischendurch. Günther lobt mich, dass ich wahnsinnig schnell unterwegs sei. Dies bringt durchaus Motivation. Es geht weiter, die Sonne klettert stetig höher und das Thermometer ebenfalls über 20Grad. Um 12:24h erreiche ich das Dernbacher Haus bei km56. Die zweite VP. Hier muss ich mich zum ersten Mal setzen, meine Flüssigkeitsvorräte sind vollkommen aufgebraucht. Durst ist schlecht, sehr schlecht! Vor allem, wenn es noch mehr als 100km bis ins Ziel sind. Gabi Gründlich sorgt mit vollem Engagement und Professionalität für diese super VP! Gedanken sammeln, Drinkblase füllen, dann doch wieder setzen, verdammt warm ist es mittlerweile. Gegessen habe ich dann auch! Nur wie viel?

 Ich gehe  los den Anstieg zur Landauer Hütte  und dem nächsten Streckenposten. Letztes Jahr bin ich hier voll durch gelaufen. Doch heute  wird das nix. Im Magen rumpelt es zu stark,  der Rucksack ist mit der fast vollen Blase auch gefühlte Tonnen schwer und die Wärme gibt mir den Rest. An Laufen ist momentan nicht wirklich zu denken. Die Schleife um den  Orensfelsen taumele ich regelrecht durch die Gegend. Letztes Jahr war ich hier noch voller Motivation. Im Abschluss an die Schleife komme ich wieder bei den freundlichen Streckenposten vorbei, die dafür sorgen, dass hier auf jeden Fall richtig abgebogen wird. Ich versuche wieder anzulaufen. Gegessen habe ich ja anscheinend genug. Wie auch immer, langsam werde ich wieder schneller. Die Wege sind breit und eindeutig laufbar. Stetig bergab geht es zur Buschmühle der nächsten unbemannten Getränkestelle. Endlich, auf dem Parkplatz steht ein vertrautes Auto. Da kommt mir meine Tochter entgegengerannt. Meine Familie  ist da und wird mich an den VP´s so gut es geht begleiten und unterstützen. Sie haben Nudeln für mich im Gepäck, welche sie aber noch für mich aufheben. Ich mache mich weiter auf den Weg. Rüber zur Kontrolldose am Hilschschweiher bei km78. Kontrolldosen!? Das sind sozusagen Günther Bruhns „spezial Lichtschranken“. Das heißt, Deckel der Dose öffnen, Starterliste herausnehmen und mit einem der zwei Stifte (zur Sicherheit) hinter dem richtigen Namen unterschreiben, Uhrzeit eintragen und dann alles wieder sicher Verschließen. Dies gestaltet sich je nach Zustand etwas schwierig!

Nun geht es nochmal 220hm rauf und wieder runter, verteilt auf sieben km und wunderbaren Singletrails zur Wappenschmiede, der nächsten und größten VP bei km85. Eine richtige pfälzer Wirtschaft! Für den Wettkampf wird das komplette Nebenzimmer benutzt. Günther Chromer und sein Team haben darin ein wahnsinniges Läuferbuffet aufgestellt. Ich checke um 15:42h ein. Hier haben wir auch die Möglichkeit Dropbags zu stationieren. Und das ist sehr wichtig. Ich beschließe sofort die Schuhe und Socken zu wechseln. Vom pfeilschnellen FujiLyte, durch den ich mittlerweile jede Erhebung spüre, geht es auf den FujiRado mit seiner soliden, stabilen Bauweise und dem BOA Schnürsystem. Meine Familie stellt mir direkt die Nudeln bereit die heute noch so wichtig sein werden und ein Tee dazu. Denn erhrlich gesagt bin ich mittlerweile mit dem Essen etwas planlos. Keine Ahnung, was ich überhaupt noch vertrage? Um 15:58h verlasse ich die VP. Eigentlich habe ich mich viel zu lange aufgehalten. Jedoch freue ich mich generell, dass es jetzt erst mal ein Stück hoch geht, ca.320hm auf 5km, dann ist mit dem Kalmitgipfel der höchste Punkt der Strecke erreicht. Ich versuche lange Schritte zu ziehen und mich erst mal an die anderen Schuhe zu gewöhnen. Ich kann sogar wieder einige Meter zwischendurch Laufen, jedoch ist hier der Trail recht Felsig und unwegsam. Zahlreiche Wanderer und Biker säumen den Weg im Pfälzer Wald. Viele schauen mich an wie einen  Außerirdischen. Jedoch wissen auch einige auch von diesem doch etwas außergewöhnlichem Wettkampf. Die meisten jedenfalls machen mir freundlich Platz und feuern mich sogar an. Ich treffe auf eine interessierte Familie mit ihren Mountainbikes, auch sie können nur den Kopf schütteln und den Hut ziehen, bzw. den Helm. Der Downhill verläuft zunächst kontrolliert, weil nicht sehr technisch. Doch plötzlich fällt mir auf, dass ich schon länger keine Wegmarkierung mehr gesehen habe. Okay, wenn es  eindeutig geradeaus geht, wird hier schon damit gespart, versuche ich mir einzureden. Ich laufe weiter, doch von einer Markierung ist weit und breit nichts zu sehen. Keine Ahnung, wie lang ich schon hier falsch unterwegs bin. Ich beschließe umzukehren und bis zur nächsten mir bekannten Markierung zurückzulaufen, bzw. zu gehen. Endlich, da ist sie! Ich orientiere mich auf dieser kleinen Lichtung. Verdammt, ich hätte rechts ab gemusst. Eine gute Viertelstunde habe ich bestimmt hier verloren. Nein, es ist einfach nicht möglich sich diese komplette Distanz mit einem mal zu merken! Meine Navigation auf der Uhr ist mittlerweile deaktiviert. Ich war und bin nach wie vor der Meinung, dass die Markierungen auf der zweiten Hälfte besser sind, doch wenn man pennt…

Das Hambacher Schloss(km96,1), die nächste Getränkestelle und gleichzeitig Kontrolldose (hätte ich fast vergessen). Wieder steht meine Familie und meine Eltern bereit und versorgen mich mit dem Nötigsten. Sicherheitshalber tausche ich schon mal die Sonnenbrille gegen die Stirnlampe. Es ist zwar noch recht hell, aber die Sonne geht schon langsam unter und im Wald ist es ohnehin recht dunkel. Wieder Steigt es steil an, ehe es technisch über Wurzeln und Felsen hinab nach Neustadt an der Weinstraße geht. Hier, mitten in der Stadt habe ich mich letztes Jahr gehörig verfranzt. Nun ist jedoch alles anders. Die große VP ist schon weit vorher zusätzlich beschildert. Auch hier nochmals großes Lob. Der weg verläuft nun durch die gesamte Fußgängerzone. Klar, shoppen kann man natürlich auch auf dem Weinsteig;-).

Km103,18:36h ich erreiche die „Kult VP“ bei JoSi in der Garage, spezialisiert auf rein vegane Ernährung. Ich bekomme einen besonderen Tee angeboten, welcher meine Magenprobleme lindern soll. JA tatsächlich, sie begleiten mich immer noch, mal mehr, mal weniger, dieser verdammte Magen. Viele Andere wären deshalb schon längst ausgestiegen, versuche ich mich zu trösten. Ich gönne mir noch ein paar Gabeln von den trockenen Nudeln meiner Tochter. Geschlagene 18min. verbringe ich dort, eingewickelt in eine Decke. Ich muss mich aufrappeln, weiter geht es, Decke abstreifen und die Treppen hoch hinaus zurück auf den Steig und in den Wald. Hier hat mir die VP richtig gut getan, ich fühle mich wieder frischer, bezwinge sogar steilere Bergaufabschnitte im Laufschritt. Doch Vorsicht! Ich muss aufpassen, bloß nicht überziehen, jeder Schritt zu schnell ist gefährlich. Der nächste Felsige Abschnitt bremst mich wieder ein. Bloß auf die Markierungen achten, ja keine übersehen. Teilweise muss ich sogar die Hände zur Hilfe nehmen. Die Orientierung wird mit zunehmender Dunkelheit immer anspruchsvoller. Doch die Markierungen sind stets korrekt und eindeutig. Der Downhill vom Weinbiet ist einer der technisch anspruchsvollsten Abschnitte (-300hm auf ca 3km), bei MTB´lern sehr beliebt. Ich versuche sicher und schnell zu laufen. Jedoch spüre ich meine Knie deutlich. Gut kann nach der Distanz mal vorkommen. Das ist jedoch bei mir bisher noch nie Aufgetreten. Mir gehen alle möglichen Ursachen durch den Kopf. Vielleicht ist die nicht ganz optimale Ernährung der vorherigen Tage im Urlaub daran schuld. Es ist dort eben nicht wie zu Hause und  mir scheinen doch entscheidende Nährstoffe zu fehlen. Hilft mir jetzt auch nicht weiter. Doch weiter ist das Stichwort! Wenn nix mehr geht, gehen geht immer und gehen ist viel besser als stehen! Soweit das Wort zum Sonntag, dabei ist noch nicht mal Sonntag!

 Die letzten, fast flachen km zur Garage von Phillip Eisel ziehen sich etwas. Doch als ich ihn erreiche ist wieder alles perfekt, warmes Lagerfeuer und beste Verpflegung. Wieder gibt es einige persönliche Nudeln. Für die Motivation unterwegs stecke ich mir noch zwei Schokoriegel ein, (nur als Ergänzung). Ich mache mich wieder auf den Weg. Km116. Die Trails werden wieder einfacher und das Profil ebenfalls. Der Wald wird weniger, die Strecke führt lange durch die Weinberge. Die Markierungen hier sind kleiner als an den Bäumen, das verlangt höchste Aufmerksamkeit. In Deidesheim ist mal wieder allerhand los, vor allem um den weltberühmten Deidesheimer Hof. Die Kontrolldose bei km122 passiere ich.

Nun bekomme ich ein weiteres Problem, die Müdigkeit. Es ist keineswegs ein geringes Problem. Sobald ich gehe, werden meine Augenlieder schwer. Ich schleiche aus Deidesheim raus, den endlosen Weinberg hinauf zurück in den Wald. Ich muss laufen, laufen, laufen. Wenn ich jetzt tatsächlich stehen bleiben sollte, penne ich direkt ein. Wahnsinn, dass es doch während eines Laufs soweit kommen kann. Wirklich  unvorstellbar, wenn man es noch nicht erlebt hat. Was jetzt zwischen Deidesheim und der VP in oberhalb von Wachenheim passiert ist weiß ich tatsächlich nicht mehr. Irgendwann kommt mir Christian Englert entgegen, ein ehemaliger spitzen Bergläufer. Er begleitet mich zur VP. So viel habe ich anscheinend nicht falsch gemacht. Es ist 22:42h als ich das Zelt erreiche, Ich sinke in einen Liegestuhl. Sofort schmeißt mein Vater eine warme Decke über mich. Möglichkeiten suchen zum Wachbleiben ist jetzt angesagt. Tee ist gut. Cola noch viel besser. Ich fülle meine Softflask. Jetzt wo es noch ungefähr ein Marathon bis ins Ziel ist, greife ich wieder auf die schwarze Brühe zurück (der Zahnarzt wird sich freuen). Ich habe vor allem Motivation getankt, dank des top Teams an dieser Stelle. Bevor ich losziehe, werfe ich mir noch schnell die Jacke über, mittlerweile ist es doch verdammt kalt. Um 22:56h verlasse ich das Lager. Mein Gott geht das schwer, die Kälte kriecht bis sonst wo hin. Alles ist steif. Meine Tochter geht noch einige Meter mit, ehe auch sie sich verabschiedet. Christian begleitet mich ebenfalls noch ein Stück den Steig hinauf, ehe ich wieder alleine bin. Der Wald, die Dunkelheit, der Trail und diese rot-weißen Markierungen. Bis nach Bad-Dürkheim verläuft der Weg wellig über leichtere An-und Abstiege und Weinberge. Kurz vor Bad-Dürkheim treffe ich wieder auf Christian, der auf dem Rad neben mir her rollt und mir die heißesten Nachrichten vom Ironman auf Hawaii präsentiert.

Wir müssen fast die gesamte Stadt queren, ehe wir die Getränkestelle hinter der Berufsschule erreichen. Ein Hauch Tour de France Atmosphäre gibt´s obendrein mit diesem ermunternden Spruch.

 Wir schreiben km137 und einer der schwersten Abschnitte steht jetzt noch an. Eingeläutet wird Dieser mit steilen, unregelmäßigen Treppenstufen. Es geht hinauf zum Peterskopf, über Abschnitte der legendären Strecke des Bad-Dürkheimer Berglaufs. Der schwersten im gesamten Pfälzer Berglaufpokal. Die Trails werden wieder enger und wurzeliger. Ich finde einen Rhythmus zwischen Gehen und Laufen. Plötzlich sind die Markierungen wieder verschwunden. Ja, alles klar, es geht ja nur gerade aus, da war kein Abzweig. Ich laufe weiter, die Beine funktionieren wieder ganz gut. Ich fokussiere die Bäume, doch es taucht keine Markierung auf. Das kann nicht sein! Das ist zu lang, ich bin falsch. Ich beschließe umzukehren, wieder abwärts, bis ich wieder eine Markierung sehe. Keine Ahnung, wie lang ich falsch gelaufen bin. Jedenfalls zu lang! Zurück an der letzten Markierung orientiere ich mich neu, leuchte alles ab. Da! Das ist doch nicht zu fassen, es ist tatsächlich ein Weg, scharf nach links und steil in die Höhe. Das Symbol ist sehr weit oben am Baum angebracht und wurde anscheinend vom Lichtkegel meiner Stirnlampe nicht erfasst. Shit happens! Ich biege sofort links ab und weiter geht´s. Merkwürdig, hier hatte ich aber letztes Jahr alles im Griff?! Bringt mir jetzt auch nichts, es muss weiter gehen. Immer weiter! Es wird wieder flacher. Bald muss diese Lichtung am Schlagbaum auftauchen, doch es dauert noch unendlich lang bis dorthin. Endlich ist sie erreicht. Nun zieht sich der Trail langsam zu, wird steiler und steiler. Die Markierungen des Berglaufs, welcher am Nachmittag stattfand sind noch deutlich zu sehen. Es geht hoch, immer höher. Ich gehe mit guten, kräftigen Schritten. Die Herzfrequenz ist weit unten, eigentlich würde es noch schneller gehen, doch ich möchte auf keinen Fall mehr irgendetwas riskieren. Das Projekt „sub20“ ist ohnehin außer Reichweite gerückt. Allein durch die vielen Verlaufer. Das war unendlich nervig und demoralisierend. Ich erreiche die Treppenstufen am Geiersbrunn und erblicke das Gemäuer des Bismarckturms. Das waren jetzt nochmal gebündelt 400hm auf vier km und der Letzte wirkliche Anstieg!

Der Abstieg  rüber in Richtung Battenberg ist sehr einfach zu laufen, jedoch fast neun km lang. Dies zieht sich nochmals unendlich. Ich versuche konstant im Laufschritt zu bleiben und mich auf die Markierungen zu konzentrieren. Es fällt mir sehr schwer, denn die Müdigkeit überfällt mich so langsam wieder. Noch einen Schluck Cola, hilft aber auch nicht mehr viel. Was ist jetzt schwerer, Meine Beine oder meine Augenlieder? Jeder Meter wirkt gleich, jeder Baum. Wenigstens verlassen mich die Weinsteigsymbole nicht, und das ist ein Gutes Zeichen. Da, die ersten Lichter von Battenberg und ein Wildschweinrudel, welches den Weg kreuzt. Langsam komme ich wieder in die Zivilisation. Ich verlasse den Wald und wechsele auf den Asphalt. Boah, ist das ein komisches Gefühl! Christian Englert Empfängt mich mit dem Fahrrad, es sind noch wenige hundert Meter bis zur VP, die ich im Schlürfschritt absolviere.  Es ist 2:04h nach 151km, als ich mich auf der Bank niederlasse.

Die letzte Maßnahme zur Optimierung steht nun an. Nochmals Schuhwechsel. Der GelfujiRado wird ausgezogen und der pfeilschnelle Straßenschuh NoosaFF kommt an die Füße. Noch ein Becher Tee genehmige ich mir, sowie zwei kleinere Schokoriegel stecke ich ein. Nochmal den Rucksack aus und ein Schuss Wasser nachladen. Beim Tee schlürfen rechnet Carsten aus, dass es eigentlich auf Jeden Fall für einen neuen Streckenrekord reichen müsste. Ich jedoch weiß nur, dass diese letzten 15km Asphalthölle das Schlimmste an dem ganzen Lauf ist. Theoretisch jedoch ganz einfach, Asphalt, immer geradeaus. Eigentlich ideal für Tempodauerläufe, Wechselläufe, Intervalle etc. Ja nee, is klar!

Die warme Decke, die mir mein Vater erneut übergeschmissen hat, streife ich ab. Er ist der Letzte meiner Familie der noch da ist und macht sich nun auch auf den Weg zum Ziel. Ab geht’s, raus aus Battenberg, über die letzten Wiesentrails ins Tal. Christian begleitet mich nochmals ein Stück zu Fuß. Bye, bye Weinsteig heißt es jetzt und hallo „Eckbachmühlen-Wanderweg“. Ich bin im Laufschritt und das vielleicht doch nicht ganz so langsam. Kleinkarlbach liegt hinter uns, immer weiter, geradeaus. Günther hat den Asphalt zusätzlich mit Pfeilen markiert. Bloß nicht zu weit geradeaus schauen, dort gibt es nur endlosen Asphalt. Meine Begleitung ist mittlerweile wieder umgekehrt um den Posten an seinem VP in Battenberg einzunehmen. Ich bedanke mich nochmals recht herzlichst für Alles. Ich muss eine kurze Gehpause einlegen, es hat keinen Wert, die Muskulatur braucht ein Wenig Abwechslung. Ich versuche so schnell zu gehen, wie es nur möglich ist, ohne dabei über meine eigenen Füße zu fallen. Und noch viel schlimmer, meine Augenlieder werden wieder so was von schwer. Das hat keinen Wert, wieder anlaufen und Puls etwas nach oben treiben, wenn ich mich auch wirklich im niedrigsten aller Bereiche bewege. So langsam komme ich mir gar nicht vor. Ich hangele mich von Ortschaft zu Ortschaft. Kirchheim, Bissersheim, Großkarlbach. Hier gibt´s nochmals eine Wasserstelle. Es knickt nach links ab und ich Verlasse die Ortschaft Richtung Laumersheim, parallel zur Landstraße auf dem Radweg. Schnur stracks geradeaus. Endlich geht es unter der Autobahnbrücke hindurch und in den Ort, wo mich schon der Bürgermeister in seinem Zelt des „sonder“ VP empfängt. Ich sage nur kurz hallo und laufe sofort weiter. Der letzte Weinberg, die letzten Höhenmeter. Eigentlich ist es nur eine so genannte „schippe Sand“ aber der Anstieg will und will nicht enden, obwohl  ich schon seit gefühlten Kilometern die Kuppe erkennen kann, welche von den Lichtern des Grünstadter Autohofs angestrahlt wird. Ich habe sie endlich erreicht. 90 Grad rechts und direkt Richtung Obersülzen. Es ist leicht Abschüssig, was das Tempo etwas hochhält. Deutlich sind die Lichter des Ortseingangs zu erkennen. Ich laufe direkt darauf zu, muss also jeden Moment dort sein. Die Straße macht einen leichten Knick und die Lichter sind wieder nicht mehr zu sehen. Jetzt reicht es aber wirklich. Immer wieder diese verdammten Fakes!! Ich schaffe es dann trotz nochmaliger Demoralisierung das Tempo hoch zu halten. Am Ortseingang wartet mein Vater auf mich und rollt nochmal einige Meter im Auto neben mir her. Ich höre nur: „Soll ich dich ein Stück mitnehmen?“ Hey, wir sprechen uns noch, denke ich mir nur. 

Nochmal über den Fußweg, wieder raus aus der Ortschaft. Deutlich erkenne ich die Flutlichtmasten des Sportplatzes. Ich lauf über den Parkplatz, die Treppe runter und biege auf meine „Ehrenrunde“ um den Platz ein.  Zieleinlauf, fertig, Feierabend, es reicht! Es ist Sonntag morgen, 3:52h. Nach 20h 53min.und 31sec. habe ich den Pfälzer-Weinsteig 100Meilen Ultratrail beendet, Als Sieger! Zum wiederholten Mal und den Streckenrekord aus dem Vorjahr nochmal um 34 min. unterboten! Günther Bruhn hat organisatorisch alles dran gesetzt um bei meinem Zieleinlauf dabei zu sein und mich als Chef des ganzen persönlich in Empfang zu nehmen. Gefühlt viel es mir aber deutlich schwerer. Die frühen Probleme haben mich schon zeitig resignieren lassen und mein sub20-Projekt habe ich ebenfalls frühzeitig begraben. Aber, keiner Angst, ich komme bestimmt wieder. Mein Verbesserungspotenzial scheint mir in vielen Dingen noch enorm groß.

Jetzt zum Wolf, (welcher hoffentlich bald  in den Pfälzer Wald zurückkehrt): Ich kann nur sagen, dass ich noch nie so viel Eiter auf einmal gesehen habe. Das man schmerzen dieser Art, die eine regelrechte Verletzung mit sich ziehen derart ignorieren kann, so etwas gibt es anscheinend nur im Leistungssport. Eine wahnsinnige Scheuerstelle zwingt mich dienstags danach zum Arzt. Nachdem ich nicht mehr wusste, wie ich mich fortbewegen sollte und Abartige Schmerzen hatte. Die einzige Lösung, sind hier Kompressionsverbände und Antibiotika, was absolut nicht mein Ding ist. Schon früh während dem Lauf habe ich gemerkt, dass sich etwas anbahnt, aber zu diesem Zeitpunkt, scheint es ein wohl eher geringes Problemgewesen zu sein, worauf ich jetzt wohl besser nicht mehr eingehe.

Was bleibt mir zum Schluss noch zu sagen: DANKE, DANKE, DANKE!!!

Bei Allen VP-Besetzern, Gabi Gründling, Peter Gründling, Günter Kromer, Christian Englert, den Bruhns und allen anderen Helfern und Organisatoren!

Fotos: laufticker.de, Günther Bruhn, Björn Niehenke , Jürgen Baumann, Christine Bruhn, Melanie Arneth    

 

 

 

        

 

 

            

erstellt von
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Max Kirschbaum

Kfz-Technikermeister/ Serviceberater from Otterbach (Kaiserslautern)

Altersklasse: M 30

Verein: LG Ohmbachsee

Trainer: http://schork.sports-diagnostic.de/

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