-Schultag im ewigen Eis mit Höhenmetern um jeden Preis-

Für mich heißt es neue Wege zu gehen. Nicht nur, dass es sich um einen Wettkampf handelt, welchen ich zuvor noch nicht bestritten habe, sondern in vielerlei Hinsicht…

Es geht nach Neustift im Stubaital in Österreich, zu einer völlig neuen Herausforderung, dem Stubai-Ultratrail. Ich habe versucht, die halbwegs gute Form der DM auszubauen, um mich hier im Hochgebirge auf neuen Pfaden zu beweisen. Auf mich wartet eine Distanz von mehr als 65km, aber das ist für mich nicht wirklich die Challenge. Die Strecke ist gespickt mit 6027hm im Anstieg und 3464hm im Abstieg. Der Start befindet sich mitten in Innsbruck vor dem Landestheater auf 574m. Das Ziel auf 3150m, dem Stubaier Gletscher im „ewigen Eis“. Das heißt, zum Schluss geht´s nur noch hoch! Ein ausschlaggebendes Kriterium für mich, diesen Lauf zu bestreiten, habe ich doch in der Vergangenheit in den finalen Downhills immer jede Menge Zeit sowie Plätze verloren. Allein die Daten der Streckenführung führen zu einemeiskalten Schauer. Dem Veranstalter ging es dabei laut eigener Aussage um: „Höhenmeter um jeden Preis“!

Mein Anreisetag ist schon donnerstags mit dem Auto. Nach einer halbwegs flüssigen Anreise, geht es direkt aufs Hotelzimmer zum Füßehochlegen. Später noch kurz hinunter ins Dorf Nummer abholen und schon mal direkt die Klamotten richten. Denn ein weiteres Novum steht mir noch bevor: Der Start erfolgt um 00:00h Freitagnacht, bzw. Samstagmorgen. Ich habe also keine Ahnung, was diese unwirkliche Startzeit mit meiner Leistungsfähigkeit anstellt. Ich versuche also jede Minute Schlaf und Ruhe mitzunehmen, die ich im Vorfeld bekommen kann. Bis auf einen kurzen Expo Besuch wird der Freitag dann größtenteils liegend und schlafend verbracht, so zumindest der Versuch. Um 21:15h klingelt dann der Wecker. Ich schüttele mich kurz und steige direkt in meine Ausrüstung, gönne mir einen kleinen Kaffee. Mit viel Fantasie fühlt es sich tatsächlich an, als wäre es früh am Morgen. Die zwei km zum Dorfplatz nach Neustift bewältige ich im Laufschritt um etwas wach zu werden, ehe es um 22:30h mit dem Shuttlebus nach Innsbruck geht. Das mit dem Wachwerden hat auf jeden Fall geklappt. Tatsächlich fühle ich mich sehr frisch. Vor dem Landestheater herrscht fast schon Volksfeststimmung. Musik, Lichter und viel Tamtam. Die Kontrolle der Pflichtausrüstung klappt einwandfrei. Zuvor habe ich alles genauestens ausgetüftelt und so kompakt und leicht gehalten wie nur möglich. Tatsächlich ist es auch der erste Wettkampf bei dem ich Trailstöcke mit an Bord habe. In der Vergangenheit habe ich mich immens gegen eine Verwendung gewehrt. Ich kam mir immer so vor, als würde ich mir damit mehr im Weg stehen.

Schlag null Uhr. Die Meute wird losgelassen, durch das nächtliche Innsbruck. Frei nach dem Motto „urban2glacier“. Das Gefühl ähnelt dem eines Stadtmarathons. Ich reihe mich in der zweiten Gruppe hinter den top Favoriten David Wallmann und Christofer Clemente ein. Vorbei am Berg-Isel, mit der berühmten Skisprungschanze verlassen wir den Stadtkern und begeben uns auf die Trails. Ziemlich flach, flowig und schnell geht es durch die Schlucht entlang des Flusses Sill. Ich fühle mich sehr gut. Mein Puls ist moderat und ich finde mich in der Dunkelheit, durch den Schein meiner LED-LENSER MH10 sehr gut zurecht. Essen und Trinken klappt auch gut, so kann´s weiter gehen. Bis VP1 und VP2 ändert sich soweit auch nicht viel. Der Abstand auf die Spitze beträgt nur wenige Minuten. Eigentlich könnte ich schneller laufen, zumindest laut meinen körperlichen Fähigkeiten. Wären wir im Mittelgebirge, würde ich physisch deutlich mehr riskieren. Aber in Anbetracht dessen, was noch bevorsteht, sieht meine Taktik deutlich bedachter aus.

Der erste alpine Anstieg über Telfes hinauf zur Schlicker-Alm führt uns über Abschnitte des bekannten Berglaufs. Es wird immer steiler und alpiner. Gegen Ende des Anstiegs entscheide ich mich doch dazu die Stöcke einzusetzen, es funktioniert sogar ziemlich gut. Meine Weggefährten sind damit schon viel länger unterwegs. Nach wie vor ist es stockdunkel. Wir erreichen die 2400hm-Marke. Schon länger verspüre ich ein Grummeln in der Magengegend, welches immer stärker wird. Kurz vor dem ersten Downhill muss ich mich im Busch erleichtern. Das war nicht gut, denke ich mir. Es bleibt nicht bei diesem einen Mal. Auf dem Weg ins Tal fühlt es sich so an, als würde es mir die komplette Energie aus dem Körper ziehen. Sowas hatte ich zuvor auch noch nicht erlebt. Der Tag ist noch lang und es kann sich noch vieles ändern. Schließlich bin ich hier um Erfahrung zu sammeln. Langsam aber stetig erhole ich mich wieder. Die kontinuierliche Nahrungsaufnahme trägt dazu bei. Meinem Magen-Darm-Trakt traue ich trotzdem nicht mehr. Bei km35 auf ca.1000hm beginnt der nächste Anstieg. Zum Glück! Das ist wesentlich schonender für die Verdauung. Der erste Abschnitt bis zur Milderaunalm auf 1.675 Meter absolviere ich recht zügig. Mein Gemütszustand wird immer positiver. An der VP fülle ich beide Flaschen. Auch meine Position und der Rückstand nach vorne werden stetig besser. Was soll passieren? Aus dem schlimmsten körperlichen Tief bin ich nun draußen. Und hey! Ich bin der einzige „Flachländer“ der hier vorne rumläuft oder klettert, beziehungsweise kriecht. Denn mit Tempo beim Laufen hat so eine Veranstaltung absolut nichts zu tun. Es geht weiter in die Höhe. Über die 2000hm Marke und schließlich Richtung 2400hm. Was jetzt kommt, darauf war ich absolut nicht vorbereitet! Der sogenannte „Ring“ zur Neuen Regensburgerhütte (2.286 m). Für mich das technisch schwierigste, was ich jemals erlebt habe. Meine koordinativen Fähigkeiten sind dem Rest des vorderen Feldes um Welten unterlegen. Ich habe keine Ahnung, wie ich hier durchkomme. Jeder Schritt ist mehr Gestolper als alles andere. Das verblockteste Gelände, was mir jemals unter die Füße gekommen ist! Ständig stolpere ich, knicke weg, die Stöcke verhaken sich und so weiter. Es ist ein sch…Gefühl, wenn du, aus der Physis schneller laufen könntest, aber die mangelnde Koordination nicht mehr hergibt. Wenn dann der Puls auch noch unten ist, wie fast beim Spazierengehen, hat man natürlich noch Kraft für sich selbst Vorwürfe zu machen: „Hätte ich doch öfter in den Bergen trainiert!“ „Das ist nicht meine Sportart!“ Die Kilometer vergehen wie in Zeitlupe. Es hilft alles nichts, ich muss mich zusammenreißen. Die Bergwacht und Streckenposten haben schon ein extra Auge auf mich. Wenn man schon gesagt bekommt: „Das sieht aber nicht gut aus!“ Und: „Bald hast du die Möglichkeit auszusteigen.“ Dann ist das natürlich alles andere als eine Motivation. Ich antworte nur: „Ich sehe immer so aus…“ Mehr fällt mir dazu auch nicht ein! Was soll´s. Nach mehreren Wasserdurchquerungen, gefühlten Handständen, Kopfständen und einer Ewigkeit ist die VP erreicht. Konzentriert Flaschen auffüllen, eine Iso, eine Wasser. Jetzt bin ich wieder bei der Sache, denn ein Problem mit dem Glykogenspeicher habe ich zum Glück bei der geringen körperlichen Belastung nicht. Und auch von der Gefürchteten Höhe spüre ich nichts.

Neuer Abschnitt, neues Glück: Ab in den Downhill. Die Info von außen: 1000hm runter, 500hm rauf auf 12km bis zur nächsten VP. Soweit so gut, anfangs ist der Downhill noch sehr technisch und ich verliere weiter an Boden. Doch dann geht es auf die Forststraße, welche sich in Serpentinen gen Tal schlängelt. Hier kann ich es rollen lassen, Schlagartig mache ich wieder Positionen gut. Der Stubaier Talboden ist erreicht und somit eine weitere Wende des Geschehens. Ganz sanft steigt der sauber angelegte Wanderweg in die Höhe. Alles laufbar, nach wie vor bin ich in der Lage, die Abstände zu verkürzen und mich durch den WildeWasserWeg nach vorne zu arbeiten. Vorbei am Grawa Wasserfall schaffe ich es nach oben zu schauen und kurz über diese wahnsinnige Gewalt zu staunen.

Nun ist an der Tschangelair Alm auf 1406m die nächste VP erreicht. Sachte frage ich die Helfer nach meiner Position im Rennen: „Du liegst auf P8, nach vorne ist es ganz knapp!“ Damit hätte ich nicht gerechnet, nachdem wirklich mehr schlecht als recht war bis jetzt. Im Anstieg komme ich ja gut klar, versuche ich mich zu motivieren. Doch noch solide „top 10“. Aber wie war das nochmal mit der fetten Ente…?

Zügig fülle ich die Vorräte auf und ziehe stoisch weiter. Es wird steiler. In Serpentinen geht es in die Höhe, noch ist der Weg gut angelegt und ich mache Meter um Meter gut. Next Stopp: Mutterberg (Talstation Stubaier Gletscher km58 auf 1747m). Wir sind eine geschlossene Dreiergruppe, die sich dann doch wieder etwas verliert. Nun sollen es 8km mit 1400hm bis zum Ziel sein. Ich realisiere dies zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich. 8km ist ein kurzer Stadtlauf, mehr auch nicht, also, bald drin und Feierabend! Der Weg wird steiler und steiler, so steil, dass es mich fast in die Knie zwingt, krampfhaft umklammere ich meine Trailstöcke, ohne sie hätte ich wohl keinen Schritt mehr machen können. Jetzt wird es auch wieder zunehmend technischer. Wieder das alte Lied, körperlich würde es schneller gehen, doch technisch klappt mal wieder gar nichts. Somit verliere ich auch wieder Position um Position. Offiziell sind es nur 3km bis zur Nächsten VP, doch bei ungefähr 500hm in diesem Terrain eine für mich noch nie dagewesene Tortur. Endlich, ein wunderbares Ortsschild erschient: „Dresden“! Nochmals Nahrungsaufnahme und weiter nach oben. Schon tauchen die ersten Schneefelder auf. Der Weg ist nun besser für mich, es handelt sich um eine Forststraße, welche aber trotzdem enorm steil ist. Ich nehme wieder etwas Geschwindigkeit auf und finde einen Rhythmus. Stetig nach vorne. Meter um Meter, Höhenmeter um Höhenmeter. Das Bergrestaurant Jochdole ist erreicht und somit letzte VP. Nur noch ein wenig Zucker, für den allerletzten Abschnitt. Ich blicke nach oben. Da ist es also, dieses ewige Eis. Eine Skipiste, die geradeaus in den Himmel zu führen scheint. Plötzlich fliegt ein polnischer Läufer wie aus dem Nichts an uns vorbei. Oh je, wieder eine Platzierung weg. Verdammt, der hat es sich aber besonders eingeteilt! Also, ab aufs Eis, geht ja nur noch geradeaus. Ich bin überrascht, nicht wirklich positiv. Ich hadere wieder mit der Technik. Es fällt mir schwer Traktion auf den Schnee zu bringen. Die Stöcke sinken mal mehr, mal weniger tief ein. Der TrabucoPro an meinen Füßen greift, was er kann und das sehr zuverlässig!

Es nimmt einfach kein Ende dieser verdammte Schnee. Soviel Schnee hatte ich wohl die letzten zehn Jahre summiert nicht mehr unter den Füßen, wie auf diesen letzten Metern. Hier gilt auch wieder: Die Technik macht´s! Es gilt den Fuß im richtigen Winkel aufzusetzen, für maximale Traktion. Gerechnet wird hier in Höhenmeter, noch 400… noch 300…noch 200…

Endlich ist die Kuppe zu sehen, auf das nach oben Schauen habe ich die ganze Zeit gänzlich verzichtet. Das hätte alles wohl noch schlimmer gemacht. Krampfhaft habe ich versucht noch nach vorne Positionen gut zu machen. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht sind die vier vor mir platzierten Läufer zu erkennen, alle in identischem Abstand. Doch ich komme einfach nicht mehr näher! Die Kuppe ist erreicht, die Absperrungen beginnen, schlagartig endet der Anstieg und führt die letzten Meter flach über das Gletscherplateau. Stöcke hoch! Ich wechsle in den Laufschritt, so dass es wenigstens flott aussieht, was nicht flott ist und sich auch nicht so anfühlt.

Finish! Feierabend! A…lecken! Durch! Wir alle haben es Geschafft, wir alle die hier oben an diesem bis dato heißesten Tag des Jahres auf 3150m, das Ziel erreicht haben. Nach 65,6km, 6.027 Höhenmeter im Aufstieg und 3.464 Höhenmeter im Abstieg!!! Ich benötigte 10:43,51h. Vermutet wurden 11h, aber das ist Nebensache. Mit P11 bin ich um eine Minute an den Top 10 vorbei. Etwas ärgerlich. Hätte anders sicherlich besser ausgesehen, aber… egal, ich befinde mich an einem der wohl beeindruckendsten Plätzen Europas!

Die DNF-Quote von fast 40% lässt ansatzweise erahnen, was für eine Prüfung dieser Stubai-Ultratrail war. Im Nachhinein höre ich noch oft Aussagen wie: „Einmal und nie wieder!“ Ich persönlich, weiß, wo meine Defizite liegen, wie ich sie minimiere, weiß ich noch nicht wirklich genau. Läuferisch sind meine Qualitäten sicherlich sehr ausgeglichen, mal sehen, wie es weiter geht… Ich habe viel gelernt an diesem Tag und erfahren, dass ich noch viel lernen muss. Also, auf eine fröhliche Schulzeit im Hochgebirge.

FOTOS: STUBAI ULTRATRAIL

erstellt von
portrait

Max Kirschbaum

Kfz-Technikermeister/ Serviceberater von Otterbach (Kaiserslautern)

Altersklasse: M 30
Verein: LG Ohmbachsee
Trainer: http://schork.sports-diagnostic.de/

Meine Disziplinen
Ultratrail

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