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Es ist Mitte Juni - ein heißer Sommerabend. Mit meinen Stöcken ausgestattet laufe ich immer und immer wieder einen Trampelpfad am Kölner Herkulesberg hoch und runter…hoch und wieder runter. 20 mal insgesamt an diesem Abend. Immerhin 400 Höhenmeter kann man so mitten in Köln abends nach der Arbeit noch schnell machen. Ich befinde mich in der Vorbereitung für meinen allerersten Ultratrail, den ich am ersten Juli Wochenende im Stubaital laufen möchte. Das Blöde an der Sache: diese erste intensive Trainginswoche ist gleichzeitig auch direkt die letzte.

Die Zeit ist mir einfach davon gelaufen. Durch Probleme mit den Schienbeinen ausgebremst, musste ich 4 Wochen komplett pausieren. Die Ultra Vorbereitung hatte ich mir irgendwie ganz anders vorgestellt. Lange habe ich gezögert, ob ich an dem Plan festhalten soll beim Stubai Ultra an den Start zu gehen oder aber mich auf die kurze Distanz umzumelden und das Ultra Debut zu verschieben. Ich bin ein Mensch, der gerne gut vorbereitet ist. Ich fühle mich nicht annähernd gut vorbereitet für diesen Ultra. Einige Freunde, die Ultra und Trail Erfahrung haben geben mir Ratschläge. Wie immer: JEDER hat eine Meinung. Du musst vorher in den Bergen gewesen sein, du musst mehr Kilometer machen, du musst nachts laufen trainieren...du musst, du sollst, du musst. Ich weiß, alles gut gemeinte Ratschläge, die bei mir allerdings nur Verunsicherung zurück lassen. Schließlich entscheide ich mich, die Zweifler auszublenden und einfach nur auf diejenigen zu hören, die uneingeschränkt daran glauben, dass ich das Ding schaffen kann. Diejenigen, die sagen: Du musst an den Start gehen, es wird ein großartiges Erlebnis. Einfach mal machen! Danke Johanna und Julia an dieser Stelle! :-) Und so stehe ich am 1.Juli um kurz vor 1:00 Uhr nachts in Innsbruck an der Startlinie bei der Premiere des Stubai Ultra Trail über knapp 63km und 5116 Höhenmeter.

Bild: TVB Stubai

Ich bin aufgeregt. Sehr! Ich war die ganze Woche schon aufgeregt. Es wird Zeit, dass es losgeht. Ich habe unheimlich viel Respekt vor dem, was da auf uns zukommt. Vor den Bergen, vor der Nacht, vor der Distanz. Aber ich freue mich, dass es jetzt los geht. Zusammen mit Johanna, die einfach spontan mit ins Stubaital gekommen ist (saustark!! ;-)) geht es auf die Strecke. Wir starten unser Abenteuer euphorisch und laufen die ersten Kilometer durch Innsbruck, wo uns die Feiernden rechts und links bejubeln. Wenn die wüssten, was wir noch vorhaben.

Aus Innsbruck raus tauchen wir direkt in die Trails der Sillschlucht ein. Neben uns hört man das Wasser rauschen. Es muss bei Tageslicht eine wunderschöne Kulisse sein. Aber wir haben nur die kleinen Lichtkegel unserer Stirnlampen, die lediglich die vor uns liegenden Schritte auf dem Trail beleuchten. Auch wir sind wie im Rausch und machen die ersten Kilometer auf dem Single Trail. Aus Sicherheitsgründen wurde Überholverbot auf diesem Stück angeordnet. Und obwohl wir wie an einer Perlenkette aufgereiht hintereinander laufen, herrscht absolute Stille. Es ist eine sehr besondere Atmosphäre. Jeder ist bei sich und sehr konzentriert. Konzentriert auf den Weg, konzentriert darauf, keinen falschen Schritt zu machen, konzentriert, dabei immer noch die Weg Markierungen im Auge zu behalten. Obwohl ich das Gefühl habe, dass ich teilweise langsam bin, vor allem wenn der Trail ein wenig anspruchsvoller wird, drängelt keiner. Alle sind absolut geduldig und reihen sich hinter mir ein. Es fühlt sich an als hätten wir ein stillschweigendes Abkommen geschlossen. Wir wissen, dass wir durch die Nacht müssen und wir wissen, dass es für jeden von uns einfacher ist, wenn wir das gemeinsam machen. Meine Sorge vor dem Nachtstart war so unbegründet! Immer wieder gibt es Momente, in denen ich einfach nicht fassen kann, wie großartig das Ganze ist.

Bild: Harald Wisthaler

Eigentlich hatte ich mit Johanna abgemacht, dass wir bis zum Sonnenaufgang zusammen bleiben. Schnell merken wir allerdings, dass wir beide unseren Rhythmus finden müssen. Wir tauschen uns kurz aus. Wir fühlen uns beide in der Dunkelheit sicher. Auch alleine. Und so macht von hier an jede von uns ihr eigenes Rennen.

Nach V2 geht es in den ersten langen Anstieg. Wir werden regelrecht geschluckt von einem kleinen Trail, der uns zunächst noch unter Bäumen steil nach oben führt. Ich packe meine Stöcke aus und marschiere zügig. Höhenmeter für Höhenmeter. Alle paar Kilometer sitzen zwischen den Bäumen Einsatzkräfte der Medical Crew. Ich freue mich jedes Mal sie zu sehen. Unermüdlich klatschen und grüßen sie uns. Was für ein starker Einsatz! Als ich nach einer ganzen Weile wieder zwei Jungs von der Medical Crew passiere, grüßen sie wieder. Diesmal: „Guten Morgen!“. „Guten Morgen!“ klingt es in meinem Kopf nach. Guten Morgen?? Das heißt, es ist schon Morgen?? Ich schaue instinktiv nach oben in den Himmel. Und tatsächlich: anstatt des tiefen Schwarz, was dort die letzten Stunden über uns lag, erkenne ich ein dunkles, ganz sanft leuchtendes Blau. Es dämmert!! Die Nacht war vorbei! „Die Sonne geht auf!!“ rufe ich meinem Vordermann zu. Er dreht sich kurz um und wir beide strahlen uns an. Die Nacht war geschafft! Wenig später höre ich, wie die Vögel anfangen zu zwitschern. Noch nie, wirklich niemals habe ich einen Tagesanbruch so intensiv erlebt. Ich fühle mich beflügelt. Es geht immer weiter hoch. An V3 angekommen mache ich schließlich endgültig meine Stirnlampe aus. Es ist 5:13 Uhr. Ein Moment, der mir im Gedächtnis bleibt.

Wir kommen immer höher und es wird richtig kalt. Ich packe meine Handschuhe aus, ziehe die Jacke wieder über und laufe weiter. Die Kulisse ist unbeschreiblich schön. Wir haben die Bäume inzwischen hinter uns gelassen. Die Wolken sind aufgezogen und die Sonne strahlt die schneebedeckten Gipfel in der Ferne an. Ich bin einfach nur dankbar in diesem Moment an diesem Ort zu sein und ich fühle mich großartig. Keine Müdigkeit, keine Erschöpfung. Einfach nur Glück.

Bild: Marie

Mein Zwischenziel ist die Starkenburger Hütte auf 2230m. Dort wartet Johanna’s Freundin Marie, ihr Mann Markus und ihr Sohn Leon auf uns. Die drei sind extra aus Köln ins Stubaital gekommen und haben oben auf der Hütte übernachtet um uns schon ganz früh morgens dort zu empfangen. Die Aussicht sie dort zu treffen war von Anfang an unser leuchtendes Zwischenziel. Wir wussten, wenn wir es bis dorthin geschafft haben, ist schon die Hälfte geschafft. Als die Hütte in Sichtweite kommt sehe ich auch schon Marie. Wir freuen uns so sehr. Es gibt mir so viel Kraft sie dort zu treffen. Ich erkundige mich nach Johanna und Marie sagt, sie müsste eine gute halbe Stunde hinter mir sein, scheint aber auch sehr gut durchzukommen. Auch das beruhigt mich.

Bild: Marie

Von hier an geht es in einen langen Downhill nach Neustift runter. Die Trails sind sehr schön, aber durch den vielen Regen in der Nacht auch sehr matschig. Ich bin vorsichtig unterwegs. Trotzdem falle ich einmal. Zwei sehr nette Läufer aus Bayern sammeln mich aber direkt auf und reden mir gut zu. Tief durchatmen, weiter laufen. Passt, Knie ein bisschen aufgeschürft, aber sonst dank matschigem Untergrund nix passiert. Weiter geht’s! Ich bin froh, als ich die ersten Häuser von Neustift sehe und weiß, dass der Downhill bald vorbei sein wird. Ja, es gibt in dem Bereich definitiv noch sehr viel Verbesserungspotenzial. ;-)

Es ist 7:30 Uhr als ich in Neustift ankomme. Das erste Mal seit dem Start, dass wieder ein wenig Leben in der Umgebung herrscht. Und das Beste: meine Mama steht am VP und wartet auf mich. Ich hatte Sorge, dass wir uns verpassen, denn ich hatte ihr gesagt, dass sie ab 8:00 Uhr mit mir rechnen kann. Gut, dass sie immer überpünktlich ist. ;-) Wir freuen uns beide sehr, ich berichte ihr kurz von der Nacht und dann geht es auch schon weiter.

Von hier an führt die Strecke uns knapp 20km durch’s Stubaital. Es ist ein Abschnitt, der schön, aber nicht allzu aufregend ist. Gut laufbar und irgendwie erholsam. Ein echtes Highlight ist hier der Wilde Wasser Weg. Noch immer fühlt sich mein Körper und die Beine gut an. Doch ich weiß, am Ende des Tales wartet der Aufstieg zum Gletscher! Schließlich liegt das Ziel auf 3150m Höhe.

Nachdem ich eine Weile alleine gelaufen bin, treffe ich Jenny aus Koblenz. Wir laufen gemeinsam weiter, erzählen viel während wir durch’s Tal laufen und so wird auch dieser Streckenabschnitt wieder sehr kurzweilig. Kurz vor der Talstation Mutterberg sind wir uns einig, dass wir uns dort nicht lange aufhalten und lieber zügig weiterlaufen wollen. Dort liegen unsere Dropbags. Als wir ankommen empfängt uns jedoch direkt ein Helfer aus der Medical Crew. Er erkundigt sich, wie es uns geht und teilt uns mit, dass ab dem nächsten VP, der Dresdner Hütte lange Kleidung verpflichtend sein wird. Na gut, also doch Dropbag holen und kurz umziehen. An diesem Punkt haben wir 54km in den Beinen. Die längste Strecke, die ich je gelaufen bin. Und ich fühle mich immer noch gut. Ich bin selber erstaunt über meinen Körper.

Aber jetzt sollten die härtesten 8km folgen. 8km, die es einfach nur noch steil bergauf geht. An diesem Punkt weiß ich, dass ich es ziemlich sicher ins Ziel schaffen werde. Mir geht es gut und ich bin definitiv so weit vor den Cut Off Zeiten, dass ich einfach nur diesen Berg irgendwie hoch kommen muss. Was soll ich sagen? Es ist steil, es ist lang. Ein Fuß vor den anderen. Einfach weitergehen. Es wird immer kälter - macht Sinn mit der langen Kleidung! ;-) Inzwischen tut mir dann auch so einiges weh. Aber an diesem Punkt ist oben ankommen die absolut einzige Option. Immer wieder führt uns der Weg nun durch kleine Schneefelder. Die letzten 5 Kilometer sind einzeln markiert. Puh, das ist hart für den Kopf. Ich denke die ganze Zeit, dass ich sicher Markierungen übersehen haben müsste, aber nein, es zieht sich einfach nur wie Kaugummi. Sowohl entgegenkommende Wanderer als auch Streckenposten sprechen uns gut zu. Einer sagt zu mir: „Es ist nicht mehr weit. Vielleicht kommt das Ziel auch plötzlich ganz überraschend.“ Hmm…mein müder Kopf versucht diese Information zu verarbeiten. Ich weiß, dass der Zieleinlauf an der Jochdohle nur bei guten Wetterbedingungen möglich sein würde. Bis jetzt ist das Wetter zwar kalt, aber nicht allzu schlecht. Ich blicke nach oben und sehe dort eine graue Wolke hängen. Ob diese den Zieleinlauf ganz oben verhindern würde?! Ich versuche mich auf den Weg nach oben zu konzentrieren und nicht weiter darüber nachzudenken.

Bild: Sportograf

Dann kommt die Station Eisgrat in Sicht. Dort oben höre ich Menschen jubeln und Kuhglocken läuten. Ob dort also das Ziel ist? Es fängt nun an leicht zu schneien. Ca 100m und immer noch einige Höhenmeter vor der Station Eisgrat ruft mir einer der Streckenposten zu: „Dort oben ist das Ziel!“. „Danke!!“ Erleichterung!! Die ganze Zeit hatte ich versucht nicht damit zu rechnen, dass dort das Ziel sein könnte, jetzt bin ich einfach nur froh. Ja, ich bin bereit für den Zieleinlauf! Und das war sicher der emotionalste Zieleinlauf, den ich bisher erlebt habe. Knapp 13h war ich auf den Trails im und um das Stubaital unterwegs. Knapp 13h, die für mich wie im Flug vergingen, in denen ich nicht ein einziges Mal an dem Vorhaben "Ultratrail" gezweifelt habe und nach denen ich nun absolut dankbar, erschöpft und glücklich durch diesen Zielbogen laufen durfte. Was für ein Erlebnis! :-) Knapp eine Stunde nach mir läuft auch Johanna an der Station Eisgrat ein und auch sie strahlt.

Und nun, 2 Wochen später? Was bleibt? Die Erkenntnis, dass „einfach mal machen“ durchaus funktionieren kann und außerdem die Tatsache, dass ich mich an diesem Wochenende ganz sicher nicht nur ins Ultratrail Laufen sondern auch ins Stubaital verliebt habe. Es steht fest, ich werde wieder kommen. Das Ziel ganz oben an der Jochdohle wartet schließlich immer noch auf mich!


erstellt von
portrait

Antonia Rick

Juristin aus Köln

Altersklasse: W 30

MEINE DISZIPLINEN
half_marathon 10k marathon trail
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