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Vom 5.4. - 13.4. stellten sich 29 Läufer aus 8 Ländern der Herausforderung an einem der härtesten Ultraläufen der Welt teilzunehmen. Der Volcano UltraMarathon in Costa Rica erstreckt sich über 200 km mit +7800 hm verteilt auf 6 Etappen und führt über Vulkane, durch Regenwälder bis zur Karibik. Ich erlebte ein Auf- und Ab der Gefühle, musste oft an meine mentalen Grenzen gehen... Laufen am Limit, belohnt mit spektakulären Eindrücken.

Wenn mein Körper nicht mehr kann, zieht mein Wille ihn wieder hoch

1. Volcano UltraMarathon in Costa Rica

9 Monate habe ich auf diesen Moment gewartet.

Am Donnerstag den 4.4. ging es dann endlich ab nach San José in Costa Rica zum 1. Volcano UltraMarathon – einem Multistage Traillauf über 6 Etappen von Solania nach Puerto Viejo de Talamanca, dass 29 Läufer aus 8 Ländern bestreiten sollten. Und ich. Aufregend! Denn es war für mich das erste Mal, dass ich Europa verlassen habe. Dank Nadja vom Reisebüro Ferngefühl, die alles organisiert hat, konnte ich mich voll auf meine rennspezifischen Vorbereitungen konzentrieren. Und die waren nicht ohne: Sieben Impftermine, ein Belastungs-EKG und eine lange Liste an Besorgungen galt es abzuarbeiten. Etliche Male bin ich die Liste der 13 kg Pflichtausrüstung durchgegangen (für alle Nerds: meine Ausrüstungsliste könnt ihr am Ende des Berichts anschauen), damit ich unter keinen Umständen etwas vergesse. Denn: Das hätte im schlimmsten Fall meinen Start gefährden können.

Nach 12 h endlich angekommen begrüßten mich im Hotel gleich die Renn-Organisatoren freundlich – einer von ihnen, Andrés, stellte mich sofort der ganzen Crew vor, bevor ich erschöpft ins Bett fiel.

Am nächsten Tag traf mein Zimmerkumpel Stephan Godfrey aus England ein. Ein wahnsinnig lustiger Typ. Der Volcano UltraMarathon war bereits sein 10 Ultrarennen mit Selbstverpflegung, er wusste also, was ihn erwartet und wie er den Wettkampf anzugehen hat. Für mich hingegen war es das erste Multi-Stage-Event mit Selbstverpflegung. Die größten Gedanken machte ich mir allerdings nicht wegen dem zusätzlichen Gewicht oder dem harten Streckenprofil mit immerhin über 7800 hm, sondern bezüglich des Klimas. Wie werde ich mit den wechselnden Temperaturen (5 bis 36 Grad) und der konstant hohen Luftfeuchtigkeit zurechtkommen. Noch nie zu vor habe ich unter solchen Bedingungen trainiert oder einen Wettkampf bestritten.


Weniger Sorgen hingegen machte ich mir bezüglich meiner Verpflegung. Ich vertraute hier auf die Trek’n Eat Produkte von KATADYN. Diese testete ich alles Trailfutter schon auf meinen Trainingsläufen und fand den Geschmack, die Konsistenz und die Verträglichkeit ausgezeichnet. Pflichtkalorien pro Tag: 2000. Das war für mich in Essen umgerechnet: 1x Früchtemüsli (Frühstück), 2x Peronin (Flüssignahrung während des Laufs) und 1x Hauptgericht (warmes Abendessen in verschieden Geschmacksrichtungen), insgesamt also ca. 2100 - 2200 Kcal pro Tag im Gepäck.

Einen Tag Galgenfrist hatte ich noch bis zum Start. Mein Zimmerkumpel und ich sneakpeakten aber schon mal beim Streckenbriefing derer, die eine kürzere Distanz absolvieren wollen. Dort bekamen wir einen Vorgeschmack auf das, was uns am vierten Tag erwarten würde. Im Vorfeld gab es immer mal wieder kleine Anpassungen des Streckenverlaufs, sodass es bis zum Schluss überraschend blieb, was uns tatsächlich erwartet.


Dann ging es endlich los: Alle 29 Teilnehmer, aus insgesamt 8 Ländern, versammelten sich am Poolhaus des Hotels. Als erstes Stand ein kurzes Wochenbriefing an, bevor es dann zur Kontrolle der Pflichtausrüstung und des geforderten Medizinchecks ging und uns Zeitnahmechip sowie GPS-Sender ausgehändigt wurde. Alle Taschen/Koffer die wir nicht benötigten, wurden mit unserer Startnummer markiert. Diese erhielten wir erst am Ende der Woche wieder. Lediglich für Tag 4 durften wir uns einen Beutel mit warmen Sachen packen. Diesen sollten wir dann am Abend nach dem Lauf erhalten, da wir die Nacht oben auf dem Vulkan Turrialba verbrachten und die Temperaturen auf fast 3000 Meter bei ca. 5 Grad liegen sollten.

Dann ging es auch schon direkt los ins erste Camp. Auf der Busfahrt sahen wir sogar kurz den Pazifik, bevor wir dann wieder einen kleinen Abstecher ins Landesinnere machten. Kaum hatten wir die Hauptstraße verlassen, wurden die Wege recht schmal und steil. Und wenn ich steil sage, dann meine ich auch steil. Prinzipiell kann man sagen, dass zwischen flach und steil in Costa Rica nicht viel dazwischen liegt. Das waren Wege, da hätte ich mit einem Pick-Up schon meine Probleme gehabt und um ein Haar wären wir sogar fast stecken geblieben, weil die Räder des Busses an einem Anstieg plötzlich durchdrehten. Aber zum Glück ging alles gut.

Der Empfang im Camp war grandios. Alle Crew-Mitglieder stellten sich im Spalier auf und applaudierten lautstark bei unserem eintreffen. Jeder Teilnehmer erhielt sein ganz persönliches Zelt für die gesamte Woche. Da die Selbstverpflegung erst am Sonntagmorgen begann, wartete am Abend noch mal ein gemeinsames Dinner auf uns. Fragt mich nicht was es gab, ich kann es euch nicht sagen, aber es war lecker. Dann ging es für mich auch relativ schnell ins Zelt zurück, wo ich versuchte noch etwas schlaf zu bekommen, da die Nacht um 4:30 Uhr schon wieder vorbei sein sollte.


Tag 1: Aus und vorbei bevor es anfängt?

32,6 km, +1483 m, -1287 m

Am Sonntag war es dann endlich so weit. Da ich mich immer noch nicht ganz an die Zeitverschiebung gewöhnt hatte, war ich bereits vor meinem Wecker wach. Ich hatte also noch etwa mehr als 2 Stunden Zeit bis das Abenteuer begann. Im Kopf ging ich noch einmal verschiedene Szenarien durch... „was passiert wenn“ und „wie gehe ich damit um“, „an was halte ich mich fest um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, falls es mal nicht läuft“. Ich fühlte mich gut und die Aufregung wuchs.

Es war mittlerweile kurz vor sechs und das Thermometer stand bereits auf 25 Grad. Kurz vor dem Start: kurzes Tagesbriefing. Ich ging tief in mich, so wie jedes Mal vor dem Start. Und dann ging es los. Kaum ein Kilometer gelaufen, trat genau das ein, was nicht passieren sollte... ich verlor den Inhalt meines Rucksacks. Zum Glück nur zwei Riegel, aber trotzdem zum Totlachen. Stephan Godfrey lief gerade hinter mir und half beim Verstauen des Proviants. Das sollte mir so schnell nicht nochmal passieren.

Nach vier Kilometern merkte ich, dass meine Beine alles andere als fit waren. Irgendwie fehlte die Power und so langsam wurde es auch spürbar wärmer. Es begann der erste Anstieg. Nachdem wir ein kleines Waldstück hinter uns gelassen hatten, waren wir nun der Sonne hilflos ausgeliefert. Ich pustete bereits aus allen Löchern und Stephan setzte sich so langsam von mir ab. Irgendwie schien niemand mehr hinter mir zu sein. Und so schlich ich den Berg hinauf. So mit mir selbst beschäftigt das ich kaum ein Auge für die tolle Landschaft hatte. Die Sonne brannte mir ins Genick, mein Körper war völlig kraftlos und ich kam nicht spürbar vorwärts.

Was war los? Es kamen langsam erste Zweifel auf, ob ich mir hier nicht zu viel zugemutet habe und das wohlgemerkt nach nicht einmal 6 km – eine Situation, mit der ich nicht zurechtkam. Doch dann sah ich, dass noch jemand hinter mir lief. Das gab doch direkt wieder etwas Power, leider nur bis ich realisierte, dass dies der Schlussläufer war, der die Streckenmarkierung einsammelte. Oh mein Gott, schlimmer konnte es nicht werden. Aber: Diego, so hieß der Schlussläufer, und ich kamen dann schnell ins Gespräch. Also, er erzählte und ich war mit atmen beschäftigt. Irgendwie erreichte ich den ersten Gipfel und ich wusste, hey jetzt noch ein bisschen den Kamm entlang und dann im Downhill zum ersten Kontrollpunkt, wo das Medical-Team mich bereits erwartete. Nach kurzer Verschnaufpause ging es dann direkt weiter und es wurde noch härter. Im zweiten, anfangs noch leichten Uphill, war der Akku endgültig leer. Ich benötigte für den nächsten Kilometer genau 45 Minuten. Mein Rhythmus: 10 m gehen, Pause, 10 m gehen Pause... mein Puls war auf über 160 und meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Und dann wieder die erbarmungslose Hitze.

Nach 14 km: Eintausend Gedanken schossen mir durch den Kopf und mir blieben noch sechs Stunden Zeit um 18 km zurückzulegen. Ich schrieb meiner Familie eine Textnachricht und hoffte auf ein paar aufbauende Worte, obwohl ich eigentlich bereits mit dem Rennen abgeschlossen hatte. Die Enttäuschung lässt sich nicht in Worte fassen. Dafür der ganze Aufriss, um nach 14 Kilometern das Handtuch zu werfen? Die letzten Wochen verliefen doch so gut und jetzt das. Ich saß mittlerweile schon über 20 min unter diesem Baum und mein Puls lag immer noch bei fast 110. Ich teilte Diego mit, dass ich das Rennen abbreche.

Weil ich zu kraftlos war, um zur nächsten Station zu laufen, rief Diego einen Freund samt Pferd an, den wir vorher bereits getroffen hatten – und so ritt ich zur Kontrollstation. Ich schilderte den Medicals meine Probleme und schnell war klar, das ich dehydriert war. Mein Puls stieg auch schon wieder an und ich bekam die Anweisung in der nächsten Stunde viel zu trinken. Im Camp in meinem Zelt suchte ich nach etwas Ruhe. Es dauerte ein paar Stunden, bis eine Besserung zu spüren war. Dann die positive Nachricht des Tages. Ich bekam lediglich eine Zeitstrafe. Sollte ich mich am nächsten Morgen wieder fit fühlen, dürfte ich das Rennen fortsetzen. Ich freute mich und fragte mich gleichzeitig, was morgen anders sein sollte. Ich verfasste einen kleinen Post und schrieb parallel mit AsicsFrontrunner und Ultraläufer Matthias Schwarze. Mit seinen Tipps baute sich so langsam wieder ein bisschen Zuversicht auf und nach einem Kommentar von Kristina Assmann verspürte ich wieder puren Willen dieses Rennen zu finishen. Sie schrieb folgende Zeile:

„Hey, du bist der Typ auf dem Buchcover „Brutal Mental“! Halte durch!“

Einfacher Satz, riesen Wirkung! Sie hatte verdammt nochmal so Recht mit dem was sie schrieb. Wer bin Ich? Ich bin ein Typ, der nie aufgibt. Jemand der nie zufrieden ist mit dem, was er schon erreicht hat, sondern sich immer weiter pusht. Ich bin zu Recht auf dem Buchcover von Daniela Dishmeier und das musste ich nun beweisen.

Da war er wieder, der ungebrochene Wille dieses Rennen zu finishen, komme was wolle. Jegliche Zweifel hier zu scheitern, waren verschwunden.


Tag 2: Flussdurchquerung, Hitze und ein atemberaubender Zieleinlauf 

29,8 km, +1306 m, -1577 m

Am nächsten Morgen dann die gleiche Prozedur. Aufstehen um 4:30 Uhr, Start um 6:30 Uhr. Erste Lektion des Tages: Esse nicht im Zelt! Ameisenalarm! 1000e kleine Biester! Also erstmal Zelt leeren, schütteln und wischen.

Nach dem ersten Schock folgte der Startschuss zur 2. Etappe. Die ersten Kilometer liefen super. Beine locker, Kopf frei! Ich hatte ein Auge für die Landschaft und war froh, genau zu dieser Zeit an genau diesem Ort sein zu dürfen, um mit 28 anderen Läufern mein wohl größtes Abenteuer zu bestreiten.

So richtig abenteuerlich wurde es am Rio Cañas. Diesen Fluss kreuzten wir ein dutzend Mal und jedes Mal davon war höchste Vorsicht geboten. Das Wasser war nicht immer gut einzusehen und man musste echt aufpassen, dass man mit dem nächsten Schritt nicht samt Rucksack im Wasser liegt. An einer Stelle ließ es sich nicht umgehen und wir standen bis zur Gürtellinie in den lauwarmen Fluten. All das erinnerte mich ein wenig an das Felsenmeer bei uns im Odenwald – nur eben etwas heißer und feuchter.

Nach der Erfrischung verließen wir das mit Bäumen geschützte Tal und waren wieder der zermürbenden Hitze ausgesetzt. Es ging zwar kurz, aber dafür sehr steil hinauf zur ersten Kontrollstation. Ich kämpfte mich mühsam, Schritt für Schritt nach oben und vergaß heute auch das Trinken nicht. Ich lief immer hart an meinem Limit bei über dreißig Grad und zunehmender Luftfeuchtigkeit.

Die Etappe hatte landschaftlich sooo viel zu bieten ich hätte stundenlang fotografieren können. Der letzte Anstieg war richtig hart – und plötzlich stand auch Diego wieder hinter mir. Oben angekommen, waren es nur noch 8 km bis zum Etappenziel. Ich wusste, hey, das Ding läufst du heute ins Ziel. Und genau mit diesem Wissen lief es dann auch wieder etwas besser. Die letzten Kilometer zogen sich wie Kaugummi. Aber dann: Der Zieleinlauf war unbeschreiblich. Jubelnde Menschen, jeder ruft meinen Namen. Und im Hintergrund der Arenal-See mit direkten Blick auf den Volcano Arenal, dem wohl bekanntesten Vulkan Costa Rica’s. Einfach ein unvergesslicher Moment.

Meine Schulter schmerzten so stark, dass ich meine Arme kaum bewegen konnte. Und generell sah das Camp aus wie ein Lazarett. Alle humpelten herum und auch Tapen lag voll im Trend, die fast jeder irgendwo kleben hatte – auch ich, denn drei Blasen wollten versorgt werden. Durch die Umstellung meiner Verpflegungsstrategie fehlten mir ca. die Hälfte meiner täglichen Kalorien weshalb ich mein warmes Abendessen in vollen Zügen genoss. Ich ging früh zu Bett um mich maximal zu erholen und natürlich um an die erbrachte Leistung anzuknüpfen.


Tag 3: Badefreuden mit Regenwaldsound

26,2 km, +1182 m, -1158 m

Am nächsten Morgen tat mir immer noch alles weh, aber als ich mein Zelt öffnete und den Volcano-Arenal im Sonnenaufgang sah, war alles vergessen. Ein Anblick, den ich lange in Erinnerung behalten werde. Die Strecke zur Rancho Margot am Caño Negro war weniger anspruchsvoll als die Tage zuvor aber landschaftlich ein Traum.

Das Rennen begann im umgekehrten Verfolgermodus: Als Schlusslicht im Ranking durfte ich deshalb als Erster starten. Und ich hielt mich über die ersten 6 km, überraschenderweise im Mittelfeld. Ab dem ersten Kontrollpunkt wurde die Strecke etwas wellig. Ein ständiges Auf und Ab, den Volcano Arenal stets im Blick.

An diesem Tag kam ich gut mit dem Wetter zurecht. Lediglich die Schultern schmerzten und besonders im Downhill drückte das Gewicht zunehmend, so dass ich immer mal wieder den Rucksack anhob, in dem ich mit den Händen von unten entlastete.

An diesem Tag durchquerten wir erstmals einen kleinen Teil des Regenwaldes. Eine tierische Artenvielfalt schalte durch den Wald... es war der Wahnsinn! Anstelle Diegos, begleitete mich heute Jorge als Spezial-Guide. Gemeinsam gönnten wir uns ca. 2,5 km vor dem Ziel eine kleine, ich nenne es jetzt mal Abkühlung, im Caño Negro. Die Schmerzen waren einfach zu stark und ich brauchte ein bisschen Entspannung. Also stürzten wir uns vollbekleidet in die Fluten des Flusses. Die Zeit spielte für mich keine Rolle. Ich war weit vor dem Cut-Off und konnte diesen einzigartigen Moment inmitten den Regenwaldes voll und ganz genießen.

Die letzten Kilometer waren Formsache und ich erreichte das Etappenziel an der Rancho Margot nach 7:25 h. Während ich mein Abendessen abfeierte, lauschte ich dem Klang des Regenwaldes, der uns umgab. Unzählige Vogelgesänge und Affengebrüll ließen den Wasserpegel in meinen Augen kurzzeitig ansteigen. Das war einfach noch schöner, als ich es mir vorgestellt hatte. Nach dem Schultern tapen, ging früh zu Bett, denn am nächsten Morgen ging es bereits um 3 Uhr mit dem Bus zum nächsten Etappenstart nach Guapiles.


Tag 4: Matsch, Vulkan und Mentalkräfte

38,4 km, +2833 m, -463 m

Am vierten Tag teilten wir uns die Strecke mit ungefähr 35 Marathonläufern des Volcano TrailMarathons mit einem Zeitlimit von 15 Std. Pünklich um halb acht fiel für uns Etappenläufer der Startschuss, die Maratonis starteten etwas zeitversetzt nach uns. Nach zwei Asphaltkilometern war ich froh, endlich einen Trail zu sehen. Der erste Abschnitt war leicht hügelig und gut laufbar, nach der ersten Flussüberquerung aber zunehmend sehr matschig. Der Regenwald hatte uns mittlerweile voll verschlungen und die ersten (noch frischen) Marathonläufer überholten mich.

Wenn ich den Regenwald beschreiben müsste, würde ich sagen „gigantisch, furchterregend, wunderschön“. Gigantisch, weil man sich als Mensch in mitten der riesigen Bäume einfach so winzig fühlt. Furchterregend, weil teilweise so wenig Licht am Boden ankommt, dass es selbst tagsüber düster wirkt und man sich bei jeden Knacksen im Gehölz dreimal umdreht und erschrickt, wenn man kilometerlang allein unterwegs ist. Und wunderschön, wenn man den Klängen der Natur lauscht oder plötzlich, aus dem Nichts, ein atemberaubender Wasserfall zum Vorschein kommt.

Der vierte Tag war an Abenteuer und mentaler Härte nicht zu übertreffen. Zu allem Übel verlor ich bei einem harmlosen Sprung das Gleichgewicht, stürzte einen Abhang hinunter und verlor dabei das Glas meiner geliebten Sonnenbrille, was mich auch mental ziemlich runter riss. Drama.

Dass es ein harter Tag werden würde war mir von Anfang an klar. Fast 28 km lang ging es nur nach oben. Ein siebenstündiger Regen machte die Strecke gerade im zweiten Drittel des Rennens sehr rutschig und anstrengend zu laufen. Und wenn dir etwas die Wade oder den Nacken hochkrabbelt, darf du nicht drüber nachdenken, was es sein könnte... Habe ich schon erwähnt, dass ich eine Spinnenphobie habe? Also, abschütteln und weiterlaufen.

Je höher es ging, desto nebliger wurde es (Sichtweite ca. 50 m) und ich hatte Probleme, die Markierungsbänder zu sichten weshalb ich auch den zweiten Verpflegungspunkt mit Wasser übersah. Mental war ich an einem weiteren Tiefpunkt angelangt. Ich hatte kaum noch Wasser, meine Beine waren müde vom vielen Matsch und bis zur dritten Station war es noch ein langer und steiler Weg. Am liebsten hätte ich das Handtuch geworfen, wieder. Aber mitten im Dschungel ist das eben keine gute Option, also galt es, weiter durchzubeißen. Es regnete nun schon seit Stunden und es wurde langsam kälter. Und bei all dem Regen absurd: die Tatsache, des nicht vorhanden Wassers in meiner Flasche machte mir am meisten zu schaffen. Ich beschloss, dass an Station drei für mich Schluss ist und ich hoffte, dass mich dort ein Crewmitglied einsammeln könnte.

Irgendwann wurde es dunkel und die Stirnlampe kam zum ersten Mal laufend zum Einsatz. Wegen ein paar Gramm ließ ich meine große Lampe zu Hause und nahm das kleine Model mit. Ich hätte mir in den Arsch beißen können. Dann verließ ich endlich den Regenwald und lief durch karges Land in der High-Volcano-Risk-Area. Die Kontrollstation ließ auf sich warten. Ich hatte einfach keinen Bock mehr. Ich war nun bereits über 11 Stunden unterwegs und musste seit 8 Std. mit 2,5 Liter Wasser auskommen.

Als ich dann etwas weiter oben ein Licht sah, war ich überglücklich, mobilisierte meine letzten Kräfte und dachte mir „Hey du hast es jetzt bis hierher geschafft, warum willst du jetzt aufgeben?“.

Noch ca. 8 Km bis zum Etappenziel und ich war noch gut in der Zeit. Also weitermachen! Ich füllte meine Flaschen mit Wasser und Elektrolyt auf und lief weiter. Es war der Wahnsinn, stundenlang ging nichts mehr, ich war völlig erschöpft und dann auf einmal läuft es wieder – als wenn nichts gewesen wäre.

Nach einen recht passablem Endspurt und 13:12 h hatte ich das Ziel erreicht. Ich ließ direkt einen Schrei der Erleichterung ab und war so froh, mich aufgerappelt und das Ding durchgezogen zu haben. Meine nassen Schuhe stellte ich ans Lagerfeuer und konnte endlich etwas essen. Trockene und warme Sachen änderten nichts an der Tatsache, dass ich die gesamte Nacht gefroren habe.


Tag 5: Verwirrung, Vierer-Battle und Sportsgeist

45 km, +958 m, -3064 m

Die fünfte Etappe war mit 47 km und 20 h Zeitlimit die längste des gesamten Rennens. Da kann man nur von Glück reden, das es an diesem Tag mit 27 Grad nicht ganz so heiß war.

Kurz nach dem Start ging es direkt mal ca. 300 hm nach oben, wieder direkt hinein in die High-Volcano-Risk-Area. Die Landschaft rund um den Vulkan Turrialba war furchterregend schön. Man hatte einen guten Blick ins Tal, und durch Filmen und Fotografieren fiel ich etwas zurück. „Special Guide“ Jorge erzählte mir, dass man sogar bis nach Panama gucken könnte und zeigte mir den höchsten Vulkan des Landes. Es war einfach traumhaft. So viele wunderschöne Ecken lagen auf dem Weg zur ersten Kontrollstation. Doch die ließ auf sich warten. Laut Roadbook sollte sie bei Kilometer 12,9 kommen. Doch meine Uhr war schon weit über Kilometer 13 hinaus. Meine Stimmung sank wie mein Wasservorrat. Durch eine kurze Unachtsamkeit übersah eine Streckenmarkierung und lief ein paar hundert Meter weiter den Berg hinauf. Naja, somit hatte ich ein paar Höhenmeter mehr gesammelt, was soll`s. Mental hatte dieser kleine Ausrutscher keinen Einfluss auf die ohne schon schlechte Stimmung. Erst nach 4 Km erreichte ich, etwas sauer, die 1. Station und musste mir leider Gottes direkt etwas Luft machen wie auch schon einige Läufer vor mir…

Doch dann ein Schock: Ein Offizieller erklärte mir, dass an Station 3 für mich Schluss sei. Ich verstand die Welt nicht mehr. Warum? Es gab anscheinend eine Cut-Off Zeit für die 3. Station. Warum wurde davon im Vorfeld nichts erwähnt? Ich versuchte herauszufinden bis wann ich den Punkt passieren müsste, leider ohne Antwort. Ich war sauer, verkürzte die Pause, schnappte mir meine Trailstöcke und lief was die Beine hergaben.

Die 2. Kontrollstation kam natürlich nicht nach 6 sondern erst nach 10 km. Doch das war mir sch...egal. Ich rannte einfach weiter. Am zweiten Kontrollpunkt waren alle etwas verwundert, dass ich schon so früh eintraf. Also: Wasser auffüllen, schnelles Selfie mit der Crew und weiter ging es.

Ich konnte noch kurz einen Blick auf die Durchgangszeiten werfen und lief wie besessen weiter. Dann, kurz vor der 3. Kontrollstation, sah ich plötzlich drei Läufer: Edwin zusammen mit Jeffrey Portuguez und etwas weiter vorne Jonathan Bola. Was war da passiert? Wo war Stephan? Die drei mussten Probleme haben, wenn sie soweit zurückgefallen sind. Ich fragte ob alles in Ordnung sei. Sie hatten zwar etwas Schmerzen, wollten aber weiter laufen. So langsam ging bei mir auch die Luft raus.

Ein kurzer Blick auf meine Uhr sagte mir „Hey du bist gut unterwegs“ und so lief ich strammen Schrittes weiter Richtung dritter Kontrollstation, wo ich dann auch Stephan wiedertraf. „Hey Stephan, nur noch 12 km bis zum Ziel“. Er schaute mich verdutzt an und meinte „Nein, der nächste Abschnitt ist Aufgrund des schlechten Wetters vom Vortag gesperrt und wir können direkt von hier Richtung Ziel laufen“. Es klickte: Genau das wollte mir der Typ am ersten Kontrollpunkt wahrscheinlich vermitteln. Aber anscheinend konnte dieser noch weniger gut Englisch als ich. Ich war erleichtert und kam trotz der positiven Information in eine kleine Tiefphase. Am letzten Anstieg ging fast nichts mehr…

Noch etwa 5 km bis zum Ziel und plötzlich hörte ich Stimmen hinter mir. Jeffrey, Edwin und Jonathan . Ich war eigentlich komplett fertig, musste kurz stehen bleiben, da zogen die drei samt Kameramann an mir vorbei. Ich dachte mir „Hey, der hat mich jetzt aufgenommen während ich hier völlig erschöpft am Wegrand stehe und die drei mich locker flockig überholten“. Das konnte ich nicht so stehen lassen.

Und da war sie wieder, die Energiereserve, die irgendwo in mir schlummerte. Ich konnte dranbleiben, sie sogar überholen. Wohlgemerkt, es ging immer noch bergauf. So entstand ein regelrechter Vierer-Battle zwischen uns. Die Führung wechselte ständig, bis ich das Tempo noch mal anzog.

Als Führender der Gruppe legte ich kleine Zwischensprints ein, sobald ich die Schritte meiner Verfolger näherkommen hörte. Dann überholten wir sogar Stephan, der von der letzte Kontrollstation etwas früher aufgebrochen war. Zirka 2 km vor dem Etappenziel war dann der Saft endgültig raus. Jeffrey und Jonathan zogen davon und ich lief die letzten Meter gemeinsam mit Edwin Richtung Ziel. Kurz vor dem Camp standen dann plötzlich die zwei Ausreißer am Wegesrand und warteten auf uns. Das war echt sportlich und gebührt großem Respekt. Wir liefen geschlossen und völlig erschöpft über die Ziellinie. Kurz darauf erreichte auch Stephan völlig entkräftet das Ziel.

Mann, was war das für ein Tag! So viele Hochs und Tiefs begleiteten mich durch den Tag und ich hatte nur noch einen Gedanken: Endlich essen. Und täglich grüßt das Murmeltier…


Tag 6 Restday oder „Abhängen an der Karibik“

Am nächsten Morgen ging es Richtung Karibikküste. Was für ein Anblick! Unser Camp lag direkt am Meer ca. 20 m entfernt vom Wasser, direkt an einem kleinen Riff. Endlich hatte ich Zeit meine nassen Sachen zum Trocknen aufzuhängen. Dann stürzte ich mich in die Wellen der Karibik. Man war das Wasser warm! Zurück im Camp, schnappte ich mir eine der freigewordenen Hängematte die unmittelbar am Wasser gespannt waren. Diese gab ich bis zum nächsten Morgen nicht mehr her. Abhängen und chillen war angesagt, und die Location... einfach nur traumhaft. Ich verließ die Hängematte nur noch mal kurz um meinen Rucksack für den nächsten Tag startklar zu machen. Und nahm mir direkt meinen Schlafsack und mein Abendessen mit, damit ich nicht mehr aufstehen musste. Ich verbrachte die Nacht unter freiem Himmel und wurde mit einem mega Sonnenaufgang belohnt.


Tag 7: Sand und Gänsehaut

23 km, +50 m, -59 m

Schlafen konnte ich nicht wirklich. Nicht etwa vor Aufregung, sondern weil das Riff einfach viel zu laut war wenn sich die Wellen daran brachen (Luxusprobleme ;-)). Den Schlafsack nutzte ich nur als Kopfkissen, denn selbst nachts unter sternenklarem Himmel war es so schwül, dass ich patschnass war. Ich verlor die Zeit etwas aus den Augen und Zeit für Frühstück blieb nicht mehr – Prio hatten meine Blasen, die ein letztes Mal getapt werden wollten.

Zugegeben ich habe die Etappe voll unterschätzt. Hab gedacht „Hey das läufst du heute locker ins Ziel“. Weit gefehlt. Ich musste mich nochmal ordentlich quälen. Anfangs lief alles super. Die erste Hälfte der Etappe liefen wir den traumhaften Sendero-Trail, direkt an der Küste. Gerade für Fotografen sehr zu empfehlen. Von Affen, über Echsen, Krebse, Papageien, Nasenbären und vieles mehr, war hier alles geboten. Und so machte auch ich einige Bilder und filmte was das Zeug hält.

Nach 1:10 h gelangte ich zum ersten Kontrollpunkt bei Kilometer 11. Dann mussten wir den Trail verlassen und waren der Sonne schutzlos ausgeliefert. Mittlerweile konnte Stephan aufschließen und so liefen wir gemeinsam schweren Schrittes durch den zum Teil tiefen Sand des Strandes. Stephan kämpfte mit seinem Knie und geschwollenen Füße und ich mit der Hitze und meinen Blasen, die ich heute extrem spürte. Rennen war nicht mehr drin.

Das Ziel konnten wir in der Ferne bereits erkennen, doch gefühlt liefen wir auf der Stelle. Bei Kilometer 18 noch einmal eine Wasserstation, unsere Arme übersäht mit Hitzebläschen. Stephen setzte sich ca. 4 km vor dem Ziel immer mehr ab, ich blieb allein auf weiter Flur. Naja nicht ganz: Mein Freund Jorge und ich.

Keine Ahnung, was mich zu diesem Zeitpunkt noch antrieb. Meine Beine bewegten sich irgendwie, geistig war ich wie in Trance. Und dann, ca. 1 km vor dem Ziel, begriff ich, dass das Abenteuer in wenigen Minuten zu Ende sein und ich somit der erste deutsche Finsher des Volcano UltraMarathons sein würde.

Plötzlich fing ich wieder an zu rennen, drückte Jorge meine Kamera in die Hand und bat ihn den Augenblick festzuhalten wenn ich im Ziel einlaufe. Von weitem hörte ich schon, wie sie meinen Namen schrien. Kurz vor dem Ziel bekam ich die deutsche Fahne überreicht...

Gänsehautmoment. Ich benötigte für die zweite Hälfte genau doppelt so lange wie für den ersten Abschnitt. Ich war froh und traurig zugleich, dass dieses Abenteuer nun vorbei war.

Kaum hatte ich die Ziellinie überquert, brach ich in Tränen aus. Andrés überreichte mir die wohl größte und schwerste Medaille, die mir je um den Hals hing. Ich war so verdammt stolz über meine Leistung, nach dem unglücklichen ersten Tag wieder mit so viel Willensstärke ins Rennen zurück zukommen und es schlussendlich so durchzuziehen, trotz größter Probleme. Es war zweifelsohne mein härtestes und schönstes Rennen und es ist zu Recht eines der härtesten Etappenrennen der Welt.

Ich kann jedem, der mit dem Gedanken spielt ein Etappenrennen zu bestreiten, der das Abenteuer sucht und ein Land erleben möchte, dass mit so viel Gastfreundlichkeit und landschaftlicher Vielfalt überzeugt, dieses Rennen ans Herz legen. Die gesamte Organisation war perfekt. Alles war sehr durchdacht mit viel Liebe zum Detail.

#PuraVida #BeyondVolcano #ImVolcano #VUM2019

Ich möchte mich bei den Organisatoren bedanken, die mir die Möglichkeit gaben, ein Teil dieser Veranstaltung zu sein. Danke auch all meinen Sponsoren für die tatkräftige Unterstützung. Aber: Der größte Dank richtet sich an meine Familie, ohne deren Zustimmung und Rückhalt ein solches Vorhaben undenkbar gewesen wäre.

Und für alle da draußen, die sich gerade die Frage stellen

„Warum macht man so etwas??“,

gebe ich folgende Antwort mit auf den Weg

„Weil es einfach so unendlich viel Spaß macht“


Sponsoren:

ASICS-FrontRunner Germany

Sziols-Sportsglasses

Katadyn (Trek’n Eat)

Reisebüro Ferngefühl (Michelstadt)

Obligatorische Ausrüstung: 

erstellt von
portrait

Stefan Laake

Fliesenleger von Lützelbach

Altersklasse: M-35

MEINE DISZIPLINEN
10 Kilometer Traillaufen Marathon Halbmarathon Ultratrail
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10k trail marathon half_marathon ultra_trail

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