Mein ‚,perfektes‘‘ Rennen | Hamburg Marathon 2019

Nachdem ich im Frühjahr 2018 in Düsseldorf unerwartet 2:50,03h im Marathon gerannt war, wollte ich nun einmal im Leben unter 2:50h rennen. Schnell fiel dann die Entscheidung auf den Hamburg Marathon, da ich immer nur Gutes von Hamburg gehört und ich keine so guten Erinnerungen an Düsseldorf hatte. Also meldete ich mich dort an und die 10 Wochen Marathonvorbereitung begannen. Dieses Mal sogar nicht alleine, sondern mit meiner Freundin Corinna Harrer. Früher konnte ich immer nur mit ihr laufen, wenn sie langsam gelaufen ist und ich schnell. Aber nun begleitete sich mich durch das komplette Training. Sie war 10 Wochen lang mein „Edelhase“ und dann auch bei dem Rennen meine Begleitung. Diesen Freundschaftsdienst werde ich nie vergessen. Danke.

Die Vorbereitung auf Hamburg hatte seine Höhen und Tiefen. Anfangs tat ich mir schwer, aber die letzten 3 Wochen liefen sehr gut, so dass ich insgeheim mit einer Zeit von knapp unter 2:50 rechnete. Die Anspannung stieg also von Tag zu Tag an bis dann endlich der Start war.

Wir hatten das große Glück einen Startplatz im Elitefeld zu bekommen, so dass wir uns im Trockenen in der Messehalle einlaufen konnten und erst 15 Minuten vor Startschuss zu unserem Block geführt wurden. Ich war unheimlich nervös. Beim Einlaufen fühlte ich mich wie Wackelpudding, während mich die Eliteläufer Runde um Runde bereits beim Einlaufen überrundeten. Aber beim Einmaschieren in den Startblock wurde ich etwas ruhiger. Warum weiß ich nicht.

Es regnete leider weiterhin und kalt war es auch. Aber ich war damals meine Bestzeit über den Halbmarathon auch im Regen gerannt und deswegen hoffte ich, dass dies ein gutes Omen sei.

Nachdem der Startschuss fiel, liefen Coco und ich Seite an Seite. Ich fühlte mich gut, meine Beine fühlten sich bereit an. Aber meine Uhr begann zu spinnen. Sie stoppte einen km in 3:45min, den anderen darauf in 4:10min. Wenn ich alleine gewesen wäre, wäre ich furchtbar nervös geworden. Aber Coco hatte alles im Griff. Sie hatte von Kilometerschild zu Kilometerschild die Kontrolle und überwachte alles. Und obwohl mir es schwer fällt in solchen Dingen loszulassen, vertraute ich ihr voll und ganz. Öfters bekam ich auch von ihr zu hören: „Bleib ruhig, nicht schneller.“ Lustigerweise beruhigt mich sowas noch viel mehr, da ich dann weiß: „Okay ich kann lockerer machen.“ Wenn sie gar nichts sagte, fragte ich sie, ob alles noch passt. Verrückt wie man in solchen Situationen tickt.

Auf der Strecke hatten wir den Luxus , dass mein Verlobter uns bei den Verpflegungsstationen immer unsere Getränke reichte und uns lautstark anfeuerte, bevor er sich wieder auf das Rad schwang , um zur nächsten Station zu fahren. Ich dachte demnach immer in 5 km Schritten. Es hilft mir, die Strecke im Kopf aufzuteilen und nicht in Panik zu geraten. Ich sage dann immer zu mir: „Bis zur nächsten Station und dann sehen wir weiter.“ Wie ihr schon beim Lesen mitbekommt, spielt mein Kopf eine ganz entscheidende Rolle.

Entlang der Strecke warteten aber auch meine Eltern, Cocos Freund und Caro, eine meiner engsten Freundinnen. Sie radelten mit dem Rad bei dem widrigen Wetter vieles ab, um uns immer bestmöglich zu unterstützen. Anfangs winkte ich ihnen immer fröhlich zu, so dass sie wussten, mir geht es gut.

Wir passierten dann den Halbmarathon und da sah ich es dann an der Zwischenzeit, dass wir schneller waren als geplant. Einerseits toll, da ich mich sehr gut fühlte und somit Puffer für mein Ziel hatte, aber andererseits bekam ich wiederum Panik, ob es nicht zu schnell war. Schließlich ist es ein schmaler Grat, auf dem man sich bewegt, wenn man am Limit des eigenen Körpers läuft.

Ab Kilometer 24 ereilte mich mein Tief – allerdings nur im Kopf. Mir war es sichtlich anzusehen, so dass sich meine Familie sorgte, ob ich das Ziel erreichen würde. Glücklichweise schien mein Körper weiter zu funktionieren, meine Beine liefen weiterhin das gleiche Tempo und sie fühlten sich nicht schwer an, aber ich hatte Angst. Hatte ich mir vielleicht doch ein zu hohes Ziel gesetzt, wann wird es mir jetzt die Schuhe ausziehen? Wann kommt der so oft genannte „Mann mit dem Hammer“?

Aber Coco ließ sich gar nicht von mir beirren, sie lief einfach weiter neben mir und sprach mir gut zu. Insgeheim wusste ich, so eine Chance werde ich nie wieder im Leben bekommen: ich hatte eine gute Vorbereitung am Ende, mein Physio hatte gute Arbeit geleistet, der Wind in Hamburg war nicht zu stark, es war keine Hitze, ich musste mir um meine Eigenverpflegung auf der Strecke keine Sorgen machen und ich hatte jemanden die ganze Zeit an meiner Seite, der nicht locker ließ bei diesem Tempo und noch dazu ein unglaublich gutes Tempogefühl hatte. Ich wusste, wenn ich jetzt aufgebe, dann werde ich das ewig bereuen, denn sowas kommt man kein zweites Mal. Also raufte ich mich wieder zusammen und lief einfach weiter mit. Meine Mimik wurde besser und ich fiel auf alle Tricks meiner Freundin rein:

Sie kennt mich so gut, dass es schon beängstigend ist. Sie ließ mich ab Kilometer 30 immer öfters einen Schritt vor ihr laufen, so dass ich nicht das Gefühl des Drucks hatte hinter her kommen zu müssen. Außerdem verriet sie mir nicht den genauen Zeitpuffer, sondern schmälerte ihn ab, so dass ich nicht genau wusste, dass wir weiterhin zu schnell waren. Ich wusste irgendwann nur noch, dass wir unser Ziel erreichen müssten mit unter 2:50h.

Ab km 40 kam dann noch Sebastian Hallmann zu uns. Hier lag ein Anstieg vor uns und ab da wurde es dann richtig hart auch für meinen Körper. Bis dahin ging es mir muskulär noch wirklich gut, wir wurden auch nicht viel langsamer, sondern rannten immer den gleichen Schnitt. Aber dieser Berg nahm für mich gefühlt kein Ende. Ich schaute immerzu auf meine Uhr, so dass Sebastian mich ermahnte, man schaue nicht mehr auf seine Uhr in der Phase des Rennens - ich solle einfach nur rennen. Er hatte ja Recht, aber ich wollte einfach wissen, wann dieser Berg ein Ende hat und mich irgendwie ablenken. Also boxten die Beiden mich durch. Dann kam endlich das erhoffte Ziel und ich sah meine Zeit. 2:46:54h. Ich war sooo überglücklich. Mit solch einer Zeit hatte ich nie im Leben gerechnet. Ich bin mir bewusst, dass an dem Tag eigentlich alles perfekt lief. Bei einem Marathon gibt es nun mal Höhe und Tiefen und diese muss man überwinden, aber am Ende ist es jede der Mühen im Rennen und in der Vorbereitung wert.

erstellt von
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Anna Plinke

Steuerberaterin von Regensburg

Altersklasse: 1988
Verein: LG Telis Finanz Regensburg
Trainer: Ich selbst

Meine Disziplinen
Halbmarathon Marathon 10 Kilometer

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