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Knack! Mein Laufstock bricht nach 140 km. Es liegen noch über 120 km vor mir. 120 km überladen mit unendlich vielen Höhenmetern. Ich kriege einen Heulkrampf. Hinter mir meine Laufkollegin Judith, die aus Solidarität auch ins Heulen mit einstimmt. Mit blank liegenden Nerven und nach Luft ringend quälen wir uns weiter den nie enden wollenden, steinigen Trail Richtung Berggipfel hoch – ich mich linksseitig auf meinen noch intakten Laufstock stützend.

Der Transalpine-Run ist ein 260 km langer, sieben Tage dauernder Extremwettkampf, bei dem zwei Läufer im Team die Alpen überqueren und dabei 16.500 Höhenmeter bewältigen. Rund 300 Teams stehen jährlich im September an der Startlinie. Aber, warum tun die sich das an?

Wie es zum Start gekommen ist.

ASICS FrontRunner Team-Event in Neuss, April 2018. Ich stelle mich beim Mittagssnack neben den mir noch unbekannten David Flacke. Er, den Mund voller Sushi: „Ach, du bist doch Juliane, kenne dich von Instagram - du bist viel in den Bergen unterwegs, ne? Ich würde ja gern mal diesen Transalpine-Run laufen“. Ich, betont lässig und gleichzeitig extrem unbedacht: „Ja, genau. Für sowas bin ich immer zu haben.“ Immerhin hatte ich diesen Lauf 2016 schon einmal gefinisht. Was ich nicht dachte, dass David, den ich natürlich nicht für voll nahm, weil er eher aussah wie ein kleiner Bodybuilder und weniger wie ein Ausdauersportler, ernst macht und kurze Zeit nach dem verhängnisvollen Small Talk 50 km im Training läuft und uns daraufhin Startplätze über Sponsoren besorgt. So stehen wir plötzlich in der Starterliste als Team Orthomol Sport/ ASICS FrontRunner. Später erfahre ich, dass David diesen Lauf in besonderer Mission antritt: Im Laufrucksack einen Verlobungsring für seine Freundin Carina tragend, die im Ziel in Italien auf ihn warten würde.

Training über den Sommer.

Dieser Sommer ist zu heiß, zu arbeits- und studiumsintensiv, um ein vernünftiges Training abzuliefern, deswegen ist mein Anspruch den Alltag extrem aktiv zu gestalten. Bedeutet: bei Verabredungen zu den Freundinnen laufen und dort duschen. Zur Arbeit laufen und mit dem Rad zurück fahren. Wochenends Vereinswettkämpfe wie den 50 km-Waldlauf des Marathon-Club Menden als Long-Run nutzen.

Der Start.

Garmisch-Partenkirchen, 2. September 2018. Hellgraue Nebelschwaden verhindern die Sicht auf die imposanten Bergriesen hinter ihnen. Um mich herum gut trainierte, motivierte Sportler; alle ausgestattet mit Laufrucksack, in dem ich das vom Veranstalter kontrollierte Pflichtequipment vermute, viele mit Kompressionssocken und Funktionslaufklamotten sowie Laufstöcken. 260 km liegen vor uns. Aber daran denke ich nicht. Sondern daran, dass in 10 km die erste Verpflegungsstation auf mich wartet. Bestückt mit Kuchen, Keksen, Kaffee und allem, was ein gutes Frühstück so bieten sollte. Nach „Keep on Running“ und „Highway to Hell“ fällt um neun Uhr ein ohrenbetäubender Knall. Alle klicken auf ihrer Laufuhr auf „Start“.

Wie die nächsten Tage aussehen werden? Viel zu früh aufstehen, viel zu viel laufen. Jede freie Minute zum Regenerieren nutzen. Bei der allabendlichen „Pasta Party“ in kleinen Bergdörfern zusammen mit den anderen Alpenquerern die Kohlenhydratspeicher auffüllen. Früh ins Bett. On repeat für sieben Tage.

Was sein muss.

Jeder Teilnehmer muss bergtaugliche Trailrunningschuhe tragen. Regen- und warme Bekleidung, Handschuhe, Mütze, Minimum 1,5 Liter Wasser, Personalausweis, Lebensmittel, deren Verpackungen mit der Startnummer beschriftet sind, Erste-Hilfe-Set, Navigationsuhr und Handy mit der darin gespeicherten Medical Crew-Nummer. Alles in den Laufrucksack, zumachen, dann kann‘s losgehen.

Die Etappen.

Tag 1 - Garmisch-Partenkirchen nach Nassereith - 45 km: Lang, grau, matschig und zäh.

Mein Körper sträubt sich vor der Anstrengung durch die extrem steilen Berganstiege und wünscht sich zurück auf die bequeme, weiche Couch. Der zuckerwattedichte Nebel hängt so tief in den Bergen, dass wir unsere Mitläufer auf den exponierten Trails 50 m vor uns nur noch als schemenhafte Gestalten erahnen können. Ein paar Mal durchfährt ein stechender, krampfender Schmerz meine Oberschenkel. David präsentiert mir die „Russenhocke“ zu Dehnungszwecken. Danach geht’s. Im Ziel fallen wir unseren ASICS Teamkollegen glücklich in die Arme. Der erste Tag ist geschafft.

Tag 2 - Nassereith nach Imst - 27 km: Erfrischend kurz.

„Nur“ 27 km? Ja super. Regenerationsläufchen. Mein von gestern geschundener Körper wünscht sich noch immer auf die Couch zurück. Aber wenn sich selbst die Sonne an den immer noch dichten, weißen Wolken vorbeikämpfen kann, die Mitläufer gut drauf und die Verpflegungsstände gut gefüllt sind, läuft es locker. Viel essen, viel trinken und früh Schlafengehen ist angesagt, denn morgen entscheidet sich, wer Transalpine-Run-tauglich ist…

Tag 3 - Imst nach Mandarfen - 54 km: Die Königs- bzw. die Todesetappe.

Wecker klingelt um vier Uhr. Will die Treppen des Hotels runtergehen. Aua! Jeder Schritt schmerzt. Die Muskeln sind verhärtet und fühlen sich an, als seien sie durch einen Hexler gezogen worden. Muss mich am Treppengeländer stützen. Auf der Ebene Pinguingang. Den Kommentar: „Bei dir läuft’s aber auch nicht mehr rund, was“ quittiere ich mit einem müden Lächeln. Heute 54 km? Ist klar. Wie soll das funktionieren? Ich bin nervös. Versuche mir vor meinem Teampartner nichts anmerken zu lassen, immerhin haben wir eine Mission. Ich ahne noch nicht, dass der Muskelschmerz heute mein geringstes Problem sein wird.

Startschuss um sieben Uhr. Die ersten Kilometer läuft es steif und schmerzhaft. Ich konzentriere mich auf die Körperteile, die nicht schmerzen. Von Kilometer zu Kilometer lockern sich die verkrampften Oberschenkelmuskeln, die straffen Kompressionssocken tun ihren Dienst an den geschwollenen Waden. Auf einmal läuft es doch. Irgendwie.

Allerdings sind bei einem 54 km-Lauf die Muskeln irgendwann sekundär. Der Körper tut seinen Dienst, in einer zombieähnlichen Manier. Schritt für Schritt. Warum das geht? Weil der Kopf es so will.

Mein mentales Problem: Exakt diese Strecke bin ich 2016 schon einmal gelaufen. Ich weiß, was nach 35 km noch auf mich zukommt - nämlich ein abartig steiler Downhill sowie ein langes, zähes, schier nie endendes Stück Flachstrecke. Meine Reaktion? Heulen. Das tut gut. Dabei aber weiter machen. Jetzt drängt sich unweigerlich die Frage auf: Warum? Wofür das Quälen, körperlich wie mental? Ich zwinge mich, meinen Blick vom grau-braunen Trail zu heben, mich umzuschauen und beobachte nun von oben herab eine imposante Gipfelkulisse. Das Gras an den Hängen ist von der Sonne ausgedörrt und gelb geworden. Das suggeriert ein herbstliches Feeling. Lässt alles mystisch und noch wilder wirken.

Ich habe einen so weiten und erhabenen Blick über die Gipfelspitzen, dass ich mir bewusst mache: das habe ich allein mit meiner Körperkraft hier hoch geschafft. Auf einmal bin ich stolz statt überfordert, selbstbewusst statt ängstlich und dankbar statt pessimistisch. Danke lieber Körper, dass du mir das ermöglichst. Die Tränen versiegen. Ich mache Fotos, dann stöpsele ich mir Musik in die Ohren und lasse mich von meinen Lieblingsmetalsongs den Downhill runterpushen.

Freudentränen im Ziel, als es geschafft ist, was ich am Morgen für unmöglich hielt. Mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein, das mich auch nach dem Lauf noch im Alltag begleiten wird, schlafe ich abends zufrieden lächelnd, die Berge als Symbol des Schaffens noch vor meinen Augen visualisierend, ein.

Tag 4 - Mandarfen nach Sölden - 32 km: Wunderschöne alpine Trails inklusive Gletscherquerung.

Meine Muskeln haben kapituliert und akzeptiert, dass es täglich Höhenmeter zum Frühstück gibt, muskulär also alles ok. Anders mein energetisches Erschöpfungslevel: Das ist am Maximum. Die Höhenluft ist dabei nicht förderlich. Der höchste Punkt liegt auf über 3000 m. Was heute anspornt? Die wunderschöne Strecke. Ich schlafe beim Laufen fast ein, zwinge meinen Blick wieder sich von dem steinigen Untergrund zu lösen und das alpine Gelände mit seinen hellgrauen, riesigen Felsgiganten, inklusive türkiser Bergseen aufzusaugen. Ich beobachte, dass meine Mitläufer meine Erschöpfung teilen: Auf einem Gipfel liegt eine Frau weinend und zitternd ihrem Partner in den Armen, der sie streichelt und ihr Mut zuspricht. Nach der Gletscherquerung quatsche ich mit Teamkollegin Andrea und anderen Läufern, sodass die Zeit rennt. Zack, sind wir im Ziel. Die zitternde Frau schafft es auch. Mit einem breiten, erleichterten Lächeln im Gesicht stolpert sie über die Ziellinie von Tag vier.

Tag 5 - Sölden nach St. Leonhard - 40 km: Tribut des TAR.

Heute habe ich richtig Bock und gebe Gas. Schnellster Tag. An den Verpflegungsstationen beginne ich Unterhaltungen und bekomme inspirierende Stories zu hören. Von Andi zum Beispiel, der mit seinem Papa unterwegs ist. Hans hat den Startplatz zum Geburtstag geschenkt bekommen. Der 62-jährige ist schneller unterwegs als ich und wird übermorgen trotz Sehnenriss glücklich im Ziel ankommen. Jemand überholt mich mit dem Spruch: „Wer schneller läuft, ist eher da“ und ich bleibe munter motiviert an dem Pacemaker dran.

… bis mein Stock bricht. Auf einmal merke ich, wie mich das schnelle Laufen ausgelaugt hat, denn mein Körper reagiert auf dieses profane Ereignis mit einem Heulkrampf, der mir die Luft raubt. Die Nerven liegen blank, meine Beine sehnen sich nach dem Wohlfühltempo der letzten Tage zurück. Nehme mir nun doch Zeit und muss mir eingestehen: Wer beim TAR zu viel Gas gibt, zollt ihm früher oder später seinen Tribut.

Tag 6 - St. Leonhard nach Sarnthein - 36 km: Berge, Berge, Berge.

Die Etappe besteht aus einem langen, steinigen Uphill und einem langen, technischen Downhill. Musik hören und genießen. Körper und Kopf sind 100%-ig im Ultratrail-Modus. Angekommen in den Bergen, in der Bewegung, im Flow. Heute ist der erste und einzige Tag, an dem ich David auch mal ziehe, ansonsten läuft er nämlich oft vor, wartet auf mich und läuft wieder vor. Der Typ ist wahnsinnig fit. Was gescheites Training nicht alles ausmacht…

Tag 7 - Sarnthein nach Brixen - 36 km: Das Ende der Mission.

Ein perfekt sonniger, warmer Sommertag in den Bergen mit Gleichgesinnten. Freier Blick auf die Dolomiten. Genießen, Fotos machen. An einer hölzernen Berghütte gönnen wir uns eine Bierpause, am letzten Check- und Verpflegungspoint einen Schnaps. Nach 51:41 Stunden, 267 km und 16.500 Höhenmetern erreichen wir heute die Finishline in Brixen. Unser ASICS Teamkollege Stefan fällt uns weinend in die Arme. Er hat wegen einer Knieverletzung aussteigen müssen. Die letzten Tage hat er uns an der Strecke supportet, jetzt brechen die Emotionen aus ihm heraus. Es folgt Davids großer Augenblick. Er bekommt das Mikrofon des Moderators in die Hand und macht seiner Freundin Carina den geplanten Heiratsantrag. Sie sagt: „Ja“. Alle Frauen in näherer Umgebung fangen zu flennen an. Schöner Abschluss. Wir bleiben im Zielbereich stehen und beobachten die einlaufenden Finisher. Ein Mann bricht zusammen, einer weint, eine ältere Frau lacht so herzlich und erleichtert, dass das alle ansteckt. Viele strahlen, einige humpeln auf ihren getapten, verarzteten Beinen ein, Judith ist sogar noch in der Lage einen Freudensprung abzuliefern. Geballte Emotionen. Für viele ist das die Verwirklichung eines Lebenstraums. Von 300 erlaubten Teamstartern erreichen 208 das Ziel in Brixen.

Vorbei. Ab nach Hause.

Auf der Heimfahrt nach Nordrhein-Westfalen sind meine Mitfahrerinnen und ich sentimental, still in Gedanken verloren. Es läuft „Go Solo“ von Tom Rosenthal. Die Team-Zeit ist vorbei. Ab morgen wieder „solo“ unterwegs. Das Zurückswitchen von der Abenteuer-Bubble in die Alltags-Bubble fühlt sich befremdlich an. Morgen Abend keine Pasta Party? Kein Zielbier? Hm. Na gut. Dafür werden wir von den Erlebnissen, Geschichten und Bildern zehren. Noch Jahre später.

Das Warum.

Warum tun sich Läufer diese Odysee, diese Tortur, diese Verrücktheit an? Antworten von Mitläufern:

Mehr Infos unter www.transalpine-run.com.      

erstellt von
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Juliane Ilgert

Altersklasse: WHK

Verein: Marathon-Club Menden

Trainer: Hans-Jürgen Kasselmann

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