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Beim Ultravasan 90 lernt man viel über wahnsinnig schöne Landschaften, Blaubeersuppe und die Grenzen der eigenen Geduld

Schweden heißt bei mir auch liebevoll "Personal Best Country". Denn obwohl ich kein großer Fan davon bin, für Läufe unnötig in die Ferne zu schweifen, zog es mich 2018 gleich zweimal nach Schweden, zunächst zum ultraheißen Stockholm-Marathon (PB bei der Hitzeschlacht) und nun nach Mora. Das Örtchen, das jeder Schwede - und skilanglaufbegeisterte Erdenbürger außerhalb Schwedens - kennt, steht für Tradition im allerbesten Sinn. Schließlich zelebrieren die Gelb-Blauen hier seit 1922 den "Vasaloppet", das härteste und mit 15.000 Athleten im Hauptrennen auch größte Skilanglaufrennen der Welt über satte 90 Kilometer in der klassischen Technik von Sälen nach Mora. Jeder Schwede soll das Ding einmal im Leben machen, Könige sind mitgeglitten, die Sieger werden als Nationalhelden verehrt. Als echter Langlauffan fasziniert mich das Rennen deshalb schon seit Jahren, nur ist "Klassisch" jetzt eher nicht so meins. Aber da es ja nichts gibt, was es nicht gibt, gibt es seit einigen Jahren auch eine Sommervariante des Traditionsrennens. Und das ist nun wirklich meins: Traditionsrennen! Hermannslauf! Rennsteig! Emil-Zatopek-Lauf! Harzquerung! Wer Laufen wirklich liebt, der landet früher oder später bei den (harten) Klassikern - nicht fancy aber fantastisch, mir Herzblut organisiert und sehr oft eher Splitshort als Kompressionssocke. Mein Puls: 180 bpm #love

Gesagt, angemeldet. Und zwar für den Ultravasan 90 - also die volle Strecke. Zu Fuß. Erst nach der Anmeldung die üblichen Gedanken, die im Sturme der Begeisterung irgendwie in einem mir immer noch unbekannten Teil meines Hirns versteckt sind: 90 KILOMETER? OH JE. Denn zwar bin ich schon Ultras gerannt, auch Etappenläufe, auch lange Triathlons hab ich im Sack. Aber 90 KM standen noch nicht auf der Speisekarte. Noch weniger 90 km, die gespickt sind mit 18 km Trail-Passage, Off-Trail-Stücken und 876 Höhenmetern. Der Tipp mehrere Sportsfreunde, die dem Ultrabereich treu sind, hat das Training aber recht passend sein lassen: Freitag, Samstag, Sonntag jeweils 30 km über ein paar Wochen - und zack, passt das schon. Ehrlich gesagt habe ich den Tipp sehr, sehr streng befolgen wollen, geschafft aber leider nur ein Mal. Immer hatte ich am Ende des Wochenendes etwas weniger auf  der Uhr. Die Ausreden dafür, die ich mir da selbst zusammengestellt habe, erspare ich euch jetzt einfach mal... Aber: drei Wochenenden lange Wanderungen mit relativ schwerem Gepäck - meine Kraft-Geheimwaffe und Outdoorvariante der Mukkibude - verhalfen mir zu recht starken Beinen. Mein Puls: schlappe 40 bpm in Ruhe. #fatalismus

Angekommen in Mora, dem Zielort des Vasaloppet Summeredition Nr. 5, atmetete das gesamte Städtchen bereits den Duft der Tradition. Der Zielbereich: wie aus dem schwedischen Bilderbuch, die Vasalauf-Statue: wie aus dem Helden-Epos, das Vasalaufmuseum: über 90 Jahre Sportgeschichte. Und die Krönung: Übernachten sollten wir die kommenden zwei Tage beim Rekordhalter des Ultravasan 90, Jonas Buud - Moraner, echter Teufelskerl des Ultras und AsicsFrontrunner Schweden. Mein Puls: bereits über 100 bpm. #groupi

Mehr oder minder gut vorbereitet, startete der Wasalauf in Sälen um schlag 5 Uhr morgens. Leider stand ich mit AsicsFrontrunner-Kollegen Patrick aus dem schwedischen Team etwas weit hinten im Feld der über 1000 Starterinnen und Starter - wir haben etwas zu lange Scooter im Auto gehört - so dass es ein ganz schönes Gegehe zu Beginn des Rennens für mich bedeutete. Das stellte meine Geduld das erste Mal ein wenig auf die Probe. Zwar hieß mein Primärziel "Ankommen", dort ganz so bummeln wollte ich dann doch nicht. Und gerade zu Beginn lag meine Chance gut, ein paar Meter zu machen. Denn der Ultravasan startet bergan, das mag ich.

Was ich leider nicht mochte, war die gefühlte Lebensmittelvergiftung, die ich mir wohl am Vorabend bei einem etwas zweifelhaften Italiener eingefangen hatte. Mein Puls war für den gemächlichen Schnitt von 6 min/km viel zu hoch, zumeist über 170 bpm, wo die Pulsuhr doch eher 130 Schläge anzeigen sollte. Die erste Verpflegung machte dann auch nicht wirklich Spaß - da ich nur in Turnhöschen und Shirt und ohne Rucksack unterwegs war, belief ich meine Flexibiliät um die NULL rum. Also trinken und essen. Dann die Entdeckung: BLAUBEERSUPPE! Traditionell bei der Winterausgabe, gab es die klebrig-süße Köstlichkeit auch im Sommer. Vielleicht war der halbe Liter um 6:10 Uhr ein wenig zu viel aber: wenigstens rebellierte mein Magen so stark, dass die anschließende Entleerung auch die Wunderheilung der inneren Organe bedeutete, die Versorungen der schlappen 80 Restkilometer sicherstellte und mich recht zuversichtlich stimmte. Mein Puls: 170-112 bpm

Für den "ersten Marathon" hatte ich gehört, dass dieser Teil den technisch und höhenmetermäßig anspruchsvolleren Abschnitt darstellt. Yupp, stimmt. Ging viel hoch, gab viele Single-Trails und Steine, Planken über Moor, Off-Trail. Alles in allem war ich da gefühlt durchgehend am Konzentrieren, und musste für den 6er-Schnitt doch viele Streckenabschnitte "zu viel ackern". Trotzdem, und so nannte ich es in meinem Inneren, gab es keine "major problems" (irgendwie denke ich beim Rennen oft Englisch) und die Strecke war "pristine" und extrem "beautiful", Hochmoor grenzte an "weiten Wald" mit tollen "trees", sanfte Hügel wechselten sich mit sehr grün gesäumten Seen ab. Schweden at its best sozusagen.

Bei KM 42 - Marathonpunkt - ein Asics-Stand. Großes Hallo! Sicherheitshalber hatte ich mir hier irre viel Zeug hingelegt: einen Rucksack falls die Verpflegung nicht reichte, neue Klamotten, Ersatzschuhe. Einzig letzten Joker zog ich. Die Füße, als meine anerkannte Schwachstelle, weitere 48km! mit dem doch recht leichten Roadhawk zu überlassen, schien mir zu ungedämpft. Also rein in den fancy leuchtenden Kayano - das Wohnzimmer unter den Laufschuhen - Gummibärchen schnappen und weiter.

Nach der Marathonmarke überraschte es mich sehr, dass sich irgendwie keine wirklichen Probleme einstellen wollten. Füße: ok. Beine: supi. Kopf: ja, ok. Herz-Kreislauf: great. Magen: wieder jut (dank Blaubeersuppe). Das viele Nachdenken beim Laufen hilft mir ja oft, dass die Kilometer einfach so vergehen - auch irgendwie eine Strategie. Was mich auch freute: Der 6-er Schnitt war mein treuer Freund, meine Strategie nur an den Verpflegungen "a la Frodo" mit dem Getränk ein paar Schritte zu gehen und ansonsten joggend durchzurennen, ging auch ganz gut auf. Ab KM 60 bekommt man dann mit, dass Tempo einigermaßen zu halten bereits bedeutet, viele andere Läufer hinter sich zulassen. Gut für den Kopf! Mein Puls: eher so 135 bpm #optimistisch

Nicht so gut war der Hammer auf KM 60, der mich und meine angeborene Ungeduld wie ein harter Schlag auf den Kopf traf: Noch 30 KM! Noch 30! In Lange-Lauf-Äquivalente umgerechnet bedeutet das: EINS! In Feierabend-Runden-Äquivalente umgerechnet bedeutet das: DREI! In kurz-Kompensations-Runde bedeutet das: FÜNF! Oh je! Was ich vorher wirklich geil fand - ein Sachstandstreckenschild jeden Kilometer - nervte mich jetzt ganz wahnsinnig. Denn das gemächliche Tempo ließ die Kilometer ja nicht gerade verfliegen, zwischen KM 30 und 28 (beim Vasalauf wird runter gezählt) lagen gefühlt sieben Stunden.... Die Landschaft half da auch nicht mehr so richtig, nicht mal die Blaubeersuppe, ich fand Ultralaufen plötzlich einfach albern und fragte mich, warum ich das eigentlich mache, wo die Gegend doch auch andere Dinge zu bieten hat. Elchsafaris zum Beispiel. Immerhin: Nach etwa 6 Stunden kalten Händen und Füßen schafften Anstrengung und die fahle Sonne nun endlich ein wenig Warmblut in die genervten Extremitäten zu pumpen. Mein Puls: 140 bpm #entnervt

Mein großer Ärger und die wachsenden Ungeduld, wann das denn jetzt endlich vorbei ist, trieben mich dann doch ganz gut voran. Ab KM 20 (also nach 70 km und knapp 7 Stunden laufend durch Mittelschweden) musste ich dann an die Worte meines Arbeitskollegen denken: "Joyce, sag dir einfach, das sind 9 mal 10 km, easy!" Das half, schließlich hatte ich schon sieben Mal zehne im Sack, danke Peter S. Und als dann "der Ultimate Direction Mann“! (ich gebe Läufern, die ich öfter treffe, Namen - unterwegs waren zB auch noch "die elegante Frau", "der Schnaufer", "die Labertaschen") beim gefühlt zehnten Überholprozess meinerseits entnervt erst auf Schwedisch (jöng mo läng mi, oder so) und dann auf Englisch fragt: Really, again? und entnervt weitere Überholprozesse aufgab, liefen wir auch schon in den Distrikt von Mora ein, etwa neun Kilometer waren es da zum Ziel.

Die Zuschauerdichte wurde nun mit jedem Kilometer höher, ein letztes Mal Blaubeersuppe, die Beine fingen langsam an schwer zu werden, die Ungeduld brachte mich jetzt fast um: Da waren es nur noch zwei Kilometer. Und da in Social Media die letzten Wochen der Hashtag #fastlastk trendete, war ich auch ein bisschen motiviert, das "Ding" mit Würde spurtend zu beenden. Gesagt, getan: Endspurt über den Mora´ischen Camping-Platz, die letzte echt fiese Brücke unter lauten "heya-heya-Rufen", durch den Kreisverkehr und auf die tolle Zielgerade, an deren Ende der sehr bekannte, ersehnte Zielbogen aus Holz wartete – 4:30 min/KM immerhin noch aus den Gräten rausgedrückt. Mein Puls: 186 bpm #ziemlichfroh

Was soll ich sagen: Die reine Laufzeit von 8:54 h (meine Uhr stopp Gehpausen - also hier Trinken & gehen, Klo, quatschen, Eichhörnchen gucken, Anfeuerer anfeuern, Blaubeersuppe trinken und Eierkuchen essen - raus - irre, was da an Bruttominuten zusammenkommt) schockierte mich. Positiv. Findet mein Körper also gut, diese langen Ultras. Begeistert hat mich der Ultravasan auch total. Tolle Orga, tolle Strecke, ultratolle Natur und das ja auch 90 km lang, alles riecht nach Tradition, das schwedische Asics-Team ist echt super. Und: Hart ist das Rennen, gibt 4 ITRA-Punkte #yeah! Mein Rand der Komfortzone war definitiv erreicht. Mehrmals und aus verschiedenen Gründen. Raus gesprungen ist dann noch eine Top20-Platzierung bei den Damen und der 5. Rang in der Altersklasse. Ach ja, PB natürlich auch, was beim Debüt ja sehr einfach ist und im Land der Blau-Gelben auch nicht ungewöhnlich. Danke, Schweden.

PS: Und wenn ihr schwedische Reporter mal so richtig schockieren wollt, dann antwortet ihnen auf die Fragen, warum ihr die 90 KM lauft statt die mit den Skiern zu rutschen einfach: "Boah, 90 km Langlauf ist mir viel zu krass." Die waren echt sprachlos...     

erstellt von
portrait

Joyce Moewius

Pressesprecherin aus Berlin

Altersklasse: W35

Verein: A3K-Berlin

Trainer: Me, Myself and I

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